Ghosted 1

„Ein Genre-Mix aus Oceans Eleven, Geisterschloss und der Exorzist? Gekauft!“ – Wir haben uns den ersten Band von „Ghosted“ angeschaut und wollen wissen ob hinter der spukigen Fassade auch eine geistreiche Geschichte steckt.

„Ein gespenstischer Coup“

Selten liefert ein Comic die passende Zwischenüberschrift gleich mit, „Ghosted“ sichert sich hier also schonmal die Dankbarkeit des denkfaulen Rezensenten.Ghosted_1_Hardcover Dabei sollte man den Untertitel gleich etwas relativieren. So könnte das seichte Cover und die harmlose Wortwahl glatt verschleiern, dass Joshua Williamsons Story den Gespenstern nicht mit harmlosen Protonenstrahlern und ein paar verschmitzten Bill Murray-Zitaten auf den durchsichtigen Leib rückt. Denn als der beim letzten Coup gescheiterte Ganove Jackson Winters von der toughen Söldnerin Anderson ungefragt aus dem Gefängnis ausgebrochen wird, ahnt er noch nicht, was für einen ungewöhnlichen Raubzug er als nächstes planen soll. Der uralte aber stinkreiche Eremit Markus Schrecken bietet ihm einen Berg von Geld und ein Team seiner Wahl an, wenn er für den Millionär ein ganz besonderes Sammlerstück besorgt: Einen echten Geist aus der angeblich verfluchten Trask-Villa, die in wenigen Wochen abgerissen werden soll.

Von Wonder Woman zu Woman in Black

Mich hat nicht nur die oben erwähnte Tagline rund um den spaßig klingenden Genre-Mix neugierig gemacht, sondern auch die Verpflichtung Goran Sudźukas als Zeichner der schaurigen Mär. Der Kroate hat noch nicht viele Arbeiten auf seinem Konto, manchen vielleicht bekannt als Zeichner einiger „Y – The Last Man“-Ausgaben, mir aber vor allem durch den letzten Wonder Woman Band aufgefallen. Seine Zeichnungen treffen für mich einen sehr guten Mittelpunkt, seien es nun wie in Ghosted detaillierte Splashpages der besagten Trask-Villa oder schön schattierte Innenräume. Dabei stört es gar nicht, dass die Hintergründe teils leer ausfallen, denn die Zeichnungen sind, zusammen mit einer sehr guten Farbgebung von Miroslav Mrva, stimmig und für eine Geschichte wie diese angenehm unverschnörkelt.Ghosted_1_Auftrag

Spukts im Gebälk?

Auf erzählerischer Ebene platziert sich Williamsons Titel stabil im Mittelfeld, macht vieles richtig, aber nur wenig neu. Dafür weiß „Ghosted“ seine Noir-Wurzeln zu schätzen und trifft seine stereotypischen Figuren immerhin wie die Mitte einer Zielscheibe. Die Femme Fatale Anderson Lake und der zynische Winters leben dabei mehr voneinander als für sich selbst zu stehen – wie erwähnt, keine innovativen Figuren, aber die Keilereien zwischen Beiden sind gut getextet und halten den Lesefluss.Ghosted_1_Softcover Dabei wird man aber den Eindruck nicht los, dass Autor Williamson noch mit angezogener Handbremse fährt, denn die leichten Gewaltausbrüche scheinen sich nicht ganz in die restliche Geschichte einfügen zu wollen. Hier darf in den kommenden Ausgaben gerne weniger mehr sein, denn mit einer zusätzlichen Prise Humor würde „Ghosted“ problemlos einen sehr guten Ghostbusters-Gedächtnisband abgeben.

Fazit:

Nachdem er sich in „Dark Horse Presents“ und „Voodoo“ bereits in unnatürlichen Gefilden rumgetrieben hat, scheint Williamson dort eine Heimat gefunden zu haben und mit „Ghosted“ lädt er uns auf einen Besuch in sein Spukhaus ein. Wie bei jeder Geisterbahn ist man zuvor skeptisch, während der Fahrt dann doch amüsiert und hat, kaum wieder draußen auf dem Rummelplatz, aber das Meiste auch schon wieder vergessen. Was nicht heißen soll, dass man Williamson nicht im Auge behalten sollte, der Mann hat was zu erzählen und zeigt dies vielleicht schon im zweiten Band von „Ghosted“ oder aber einem seiner kommenden Titel. Bis dahin helfen ihm wie hier tolle Zeichnungen aus dem Hause Sudzuka gegen morsche Story-Sprossen in der Leiter auf dem Weg zu Höherem.

zur Leseprobe

Ghosted 1 von Joshua Williamson und Goran Sudzuka erschienen bei Panini Comics, 148 Seiten, Softcover 16,99€ Hardcover 29,99€ eComic 10,99€
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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