Frank Miller Holy Terror | mainstream & independent comics

Frank Millers “Holy Terror”

by on 6. März 2013

Holy Terror - Slider

Holy #*$& Batman!

Reale politische Belange finden sich im Mainstream-Comic eher selten wieder, so ist es also keine Überraschung, dass Frank Miller, Autor von Klassikern wie “The Dark Knight returns” oder “Sin City” sich 2006 mit seiner Idee keine Freunde bei DC machte. Er wollte den dunklen Ritter in den Krieg gegen islamische Terroristen ziehen lassen, die Editoren und Verlagsoberen waren wenig begeistert, fürchteten sie doch das der Schaden an einer ihrer populärsten Figuren viel größer ausfallen könnte, als der gewerbliche und künstlerische Nutzen der sich aus dieser Idee ziehen ließ. Das Konzept wollte Miller dennoch umsetzen und so wurde aus Gotham City schlicht Empire City, aus Batman der “Richter” und aus Catwoman “Natalie Stack”. Wie sich herausstellen sollte, war die Sorge der DC-Oberen durchaus berechtigt, denn “Holy Terror” ist einer der furchtbarsten Comics der letzten Jahre, vollgestopft mit billiger Propaganda und widerlichen Rundumschlägen gegen alles und jeden, die einem beim Gedanken an Millers Politik- und Menschenbild kalte Schauer den Rücken hinunter jagen.

Sie waren doch nur ein unschuldiges Comicpaar!!!

Empire City ist eine Stadt wie jede andere amerikanische Comic-Großstadt, diesen Eindruck versucht Miller zumindest auf den spärlich gesäten, entzifferbaren Bildern zu vermitteln. Die Katze alias Natalie Stack jagt durch die Nacht, verfolgt vom Richter; selbsternannter, kostümierter Beschützer Empire Citys. Natalie Stack ist eine selbstbewusste Meisterdiebin, die,wie jede toughe Frau es tun würde, seitenweise den Katzenjammer über einen Nagel in ihrem Bein auspackt, sich gerne von starken Männerarmen retten lässt und auch sonst eine Gollum-gleiche Beziehung zwischen unendlicher Zuneigung und “Hard-to-Get”-Spielchen zum anderen Geschlecht, vorzugsweise eben jenem erwähnten Richter, führt. Doch das traute Glück der Beiden wird durch bombige Stimmung einiger Terroristen jäh unterbrochen – Empire City wird angegriffen und da Behörden, Politik und Öffentlichkeit noch nie etwas getaugt haben, kann nur einer die Stadt retten. Und die gewählten Werkzeuge sind natürlich Selbstjustiz bis zur Schmerzgrenze und unbarmherzige Folter um jeden Preis, komme was wolle.

Heute lernen wir wie man schon mim ersten Satz alles falsch machen kannHoly Terror 2

Ein Argument für Millers “Holy Terror”, welches mir immer wieder vor Augen gekommen ist, war ein simples “Es geht hier nicht um Politik, um den Islam an sich oder tiefere Themen. Es ist nur eine Superheld-kämpft-gegen-Terroristen Geschichte, mehr nicht”. Unter dieser Prämisse ließen sich die meisten Fehler noch verzeihen und Holy Terror wäre bei mir als ein unübersichtlich gezeichneter, langweiliger Grützencomic im Regal gelandet, gerade weil ich mit der Legende Miller weder als Autor und schon gar nicht als Zeichner jemals wirklich warm geworden bin. Über all dies wäre wie gesagt hinwegzusehen, wenn Miller nicht mit einem Satz als “Vorwort” den Ton für die kommende Geschichte setzen würde, bei dem man vielleicht nur die Augenbrauen hochzieht oder sich auch gleich Geohrfeigt fühlen kann. Denn wer sein Buch mit den Worten “Tötet die Heiden, wo immer ihr sie findet. Mohammed” beginnt, kann sich hinterher schlecht raus reden, dass es sich um eine rein fiktive Superheldengeschichte handeln soll. Miller schafft es schon mit diesem Satz klar zu machen, dass er sich nicht um ein differenziertes Bild von Muslime, Islam, Terrorismus und dem nahen Osten bemühen will, sondern schlicht eine Milliarde Menschen dieser Glaubensrichtung über einen Kamm schert. Vielleicht wären Schlüsse hier zu schnell gezogen, vielleicht könnte man im Zweifel für den Angeklagten Nachsicht zeigen, aber Miller schafft es auf den kommenden Seiten diese plumpe Propaganda sogar noch soweit zu toppen, dass man als Leser kotzen möchte.

So viel … ich … Meine Güte, wo fang ich da an?!

Auf die Figurenzeichnung will ich eigentlich gar nicht eingehen, aber irgendwas in meinem Inneren, hoffentlich ein Alien-Symbiont, verlangt es von mir. Das Miller die letzten Jahre scheinbar verlernt hat was einen guten Comic ausmacht, sollte den Meisten spätestens seit “All-Star Batman und Robin” bewusst sein. Sein Frauenbild, sicher noch nie ein Prachtbeispiel für zukünftige Autorengenerationen, scheint auf den absoluten Tiefpunkt gefallen zu sein. Man kann daher also gar nicht in Worte fassen wie flach, wie unsympathisch, wie uninteressant und schlicht wie dämlich die beiden Hauptfiguren geraten sind. Captions, Dialoge und die simple Darstellung scheinen an das dümmste innere Kind im Leser appellieren zu wollen; Versuchte Coolness, die völlig am Ziel vorbei schießt, trifft auf Monologe, die einem die Harnröhre brennen lassen und all dies in Szene gesetzt durch Schwarz-Weiß Zeichnungen, die ihresgleichen suchen. Diese bilden dabei noch den diskussionswürdigsten Punkt des Bandes, denn wo manch einer (ich wüsste nicht wer) den Zeichnungen eventuell noch ihre Rauheit, Härte und schiere Größe abgewinnen könnte, waren sie mir den Großteil des Bandes über zu unklar und zu verwirrend. Die meist auf Splashpanels ausgebreitete Darstellungen sind gerade in Action- und Bewegungssequenzen, wie zum Beispiel der Verfolgungsjagd zu Beginn, nervtötend unübersichtlich. Miller verzichtet darauf uns in den regen verzehrten schwarz-weiß Zeichnungen einen Fixpunkt für unser Auge zu geben, oftmals schwirrt die Frage im Raum, ob man nun auf Catwomans Fußsohle oder Batmans Arschbacken starrt, denn nichts anderes als die Beiden inszeniert Miller hier unter anderem Namen. Und selbst wenn der Autor und Zeichner mal etwas Klarsicht an den Tag legt und eine gute Idee präsentiert, schmeißt er sich selbst die größten Steine in den Weg und terminiert sofort wieder jede Existenzberechtigung für diesen Band. Beispielsweise ist die Darstellung der vielen, namenlosen Opfer eines terroristischen Anschlags in kleinen, nicht-untertitelten Portraitfotos eine simple aber effektive Möglichkeit, noch getoppt von der folgenden Doppelseite, die uns lediglich massenweise leere Portraitrahmen und die Masse an anonymen Opfern begreifbar zu machen versucht und hier fliegt einem tatsächlich so etwas wie ein mulmiges Gefühl zu. Wäre da nicht der vorangegangene Kommentar der Katze, die hochgestochen beklagt “Wie viele ihrer Nächsten umgebracht” wurden. Durch die einrahmende Handlung, begonnen mit diesem Kommentar, wird einem schnell klar: Miller interessiert sich nicht wirklich für die Opfer, sie sind Mittel zum Zweck und reine Legitimation für die kommenden Handlungen, eben Folter und Mord, ausgeführt durch die beiden Hauptfiguren. Diese drei, wenn für sich alleinstehend, tollen und effektiven Seiten verpuffen im Angesicht der Propaganda im restlichen Buch bedauernswerterweise im Nichts.

“Terrorismus, Politik und Religion 101″ von Frank Miller

Holy Terror - 1Man kann als Leser froh sein, wenn Miller lediglich versucht sanfte Zwischentöne anzuschlagen und dabei scheitert, denn jeder andere Versuch von ihm irgendeine Aussage treffen zu wollen, verfällt in billigstem Rassismus, stupider Propaganda und simpler Beleidigung an der eigenen Intelligenz. Die Flagge des Islams neben Sprengstoffgürteln und Bombensplittern zu platzieren, ist so wenig aussagekräftig wie billig, nur noch getoppt von Millers Rechtfertigungen von Folter solange sie dem “richtigen” Zweck dient. Den dadurch erzeugten Eindruck von Frank Miller als Mensch einmal außen vor gelassen, stellt er seine Hauptfiguren damit auf eine Ebene mit dem “Abschaum” den sie zu bekämpfen versuchen. Und dabei gelingt es ihm nicht einen interessanten Konflikt daraus zu schmieden, seinen Figuren ein Opfer abzuverlangen, sich zu den niedersten Methoden der Folter herabzulassen, um weitere Anschläge zu verhindern, sondern er zeigt uns die Katze und den Richter als niederste Unmenschen, die nun lediglich einen inneren Trieb ausleben können, der schon immer in ihnen geschlummert hat. Und, was noch unweit schlimmer ist, als die einzige Hoffnung auf Rettung des Westens vor dem Terror aus Nahost präsentiert wird. In Zeiten von Krieg und Anschlägen verlieren Demokratie und Menschenrechte jede Bedeutung, überlasst den Wilden das Feld, denn nur sie scheinen zu wissen, wie man andere Wilde bekämpft! An dieser Stelle bin ich das zweite Mal brechen gegangen.

Fazit – Endlich:

Ich könnte mich noch seitenweise über Millers Verbrechen an der Comic-Welt aufregen, aber das würde weder meinem Blutdruck, noch dem Leser dieser Rezi etwas nützen, denn ich habe in den vorrangegangenen Abschnitten hoffentlich bereits klar gemacht, dass Holy Terror nicht da Papier wert ist, auf dem es gedruckt wurde. Zu empfehlen ist der Comic lediglich denen, die sich selber überzeugen wollen, wie tief ein Autor sinken kann. Oder um zu testen, wo die eigene Schmerzgrenze in Sachen unerträglicher Dummheit liegt. Eines muss man Miller jedoch zu gestehen, er bleibt seinem Werk auf ganzer Linie treu und schafft es sogar mit der Widmung auf der letzten Seite diesem Haufen Dreck noch eine ordentliche Schaufel oben drauf zu packen. Respekt dafür.

Holy Terror von Frank Miller mit 124 Seiten erschienen im Hardcover (29, 95 Euro) Verlag: Panini

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