Filmreview: Ant-Man

Das Marvel Cinematic Universe ist soweit, „Phase 2“ findet diesen Sommer ihren Abschluss – mit einem Film den viele zwischen all den Caps und Avengers vielleicht schon wieder aus den Augen verloren haben. Denn mit „Ant-Man“ versucht Marvel einen kleinen Held auf die große Leinwand zu bringen!

Heroes don’t get any bigger!

Als Ex-Knasti hat es Scott Lang (Paul Rudd) nicht leicht, denn trotz Willen zur Besserung und einem Ingenieurs-Abschluss findet der Knacki keine Möglichkeit die Unterhaltszahlungen für seine kleine Tochter zu leisten. Von der Verzweiflung getrieben lässt er sich zu dem berühmten „letzten Coup“ überreden, Ziel ist die Villa des Millionärs Hank Pym (Michael Douglas) in dessen Tresor fette Beute liegen soll, ein einfaches rein, Kohle schnappen und raus. Natürlich kommt alles anders als erwartet und plötzlich findet sich Scott Lang ums hundertfache verkleinert zwischen tanzenden Füßen, Staubsaugern und gigantischen Ratten wieder. Denn Pym ist alles andere als ein zurückgezogener Millionär sondern Erfinder des Ant-Man Anzugs – eine Rüstung die ihren Träger auf Kopfdruck auf Miniaturgröße schrumpfen aber wie ein ganz großer zuhauen lässt. In den richtigen Händen die perfekte Waffe, in den falschen Händen vorprogrammiertes, globales Chaos – und in Scotts Händen wohl das beste Einbrecherwerkzeug der Welt! Keine Überraschung also, dass Pym von langer Hand geplant hat Scott als Anzugträger auszuwählen – denn in seiner ehemaligen Firma hat sein Nachfolger Darren Cross (Corey Stoll) die Leitung an sich gerissen, Pyms Forschungen ausgespäht und zur waffenstarrenden „Yellowjacket“ umgebaut – die kurz vor der Massenauslieferung an Interessenten aus aller Welt steht. Scott und Pym bleibt, unterstützt von Pyms Tochter Hope (Evangeline Lilly), also nicht viel Zeit den perfekten Einbruch zu planen, Scott mit den Feinheiten des Anzugs vertraut zu machen und die Fertigstellung der Yellowjacket um jeden Preis zu verhindern!

Marvel's Ant-Man Scott Lang/Ant-Man (Paul Rudd)  Photo Credit: Zade Rosenthal © Marvel 2014

Marvel’s Ant-Man
Scott Lang/Ant-Man (Paul Rudd)
Photo Credit: Zade Rosenthal
© Marvel 2014

Anno dazumal

Dafür dass „Ant-Man“ ein absolutes Kleinod ist, hat der Film bereits eine bewegte Produktionsgeschichte der ganz Großen hinter sich. Erstmals 2003 ging das britische Comedy-Genie Edgar Wright mit dem Konzept hausieren. Auf offene Ohren stieß der Regisseur von Komödien wie „Hot Fuzz“ und „Shaun of the Dead“ allerdings erst nach dem der Comic-Zug im Kino so richtig Fahrt aufgenommen hatte. Das Konzept schien auf dem Papier perfekt. Eine eher unbekannte Figur wie Ant-Man mit einem Regisseur bekannt für eher schrullige Filme zu besetzen, der eine ganze Menge Herzblut mitbringt. Das verrückt funktioniert durften wir ja zuletzt mit James Gunns „Guardians of the Galaxy“ selbst miterleben – der Mann mit Troma-Hintergrund kommt schließlich aus der absoluten Splatter/Explotation-Ecke und Marvel machte mit ihm als Regisseur der Guardians zum Überraschungshit, Publikums- und Kritikerliebling. Dennoch, Marvels „Ant-Man“ inszeniert von Komödiant Edgar Wright sollte einfach nicht sein, 2014 verließ Wright aufgrund kreativer Differenzen das Projekt. Zu den genauen Gründen haben sich beide Seiten bis heute nicht ausführlich geäußert. Es halten sich hartnäckig die Gerüchte, dass Wrights Script zwar toll gewesen sein soll, aber nicht ins Konzept eines zusammenhängenden MCUs gepasst habe. Wright war raus, mit Payton Reed fand aber mindestens genauso ungewöhnlichen Ersatz. Der Mann hatte zwar Erfolge gefeiert, allerdings mit Filmen wie der Cheerleader-Komödie „Girls United“ oder dem Jim Carrey-Vehikel „Der Ja-Sager“. Wäre ja nicht das erste Mal, dass sich eine ungewöhnliche Regie-Wahl für Marvel bezahlt machen würde.

Marvel's Ant-Man Scott Lang/Ant-Man (Paul Rudd)  Photo Credit: Zade Rosenthal © Marvel 2014

Marvel’s Ant-Man
Scott Lang/Ant-Man (Paul Rudd)
Photo Credit: Zade Rosenthal
© Marvel 2014

Stilsicher inszeniert, gut geschrieben, okay besetzt

Und zumindest um den Regie-Stuhl sollte man sich absolut keine Sorgen mehr machen, denn bei seiner Inszenierung macht „Ant-Man“ alles richtig. Reed findet, unterstützt von seinem Kameramann Russel Carpenter (der für „Titanic“ sogar einen Oscar einheimste) immer die richtigen Bilder, besonders wenn es in den Schrumpfkosmos geht. Wenn Lang zum ersten Mal in den Anzug schlüpft und eine unkontrollierte Reise durch das Innere eines Wohnhauses unternimmt fühlt man sich irgendwo zwischen Superheldenfilm und „Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft“. Hier spielt sich schnell der mitunter größte Vorteil der Ant-Man-Idee aus. Riesige Materialschlachten, Verfolgungsjagden und weltenbedrohende Zerstörungen liefert uns das Blockbusterkino ja am laufenden Band, kann und muss daher auch in direkter Konkurrenz zueinander leben. Ein Größenvergleich, dem „Ant-Man“ durch seine Action im Kleinen, super entgehen kann. Für eine gigantische Flutwelle braucht es nur einen offenen Wasserhahn, für eine chaotische Keilerei nur das Innere eines geschlossenen Koffers und für ein fantastisches Finale lediglich ein Kinderzimmer mit Spielzeugeisenbahn! Mit seiner letzten halben Stunde kaschiert „Ant-Man“ dann auch problemlos einige Schwächen vom Rest des Films, denn Charaktere und Casting landen lediglich bei einem „Okay“. Hier gibt es sicher keine Totalausfälle, aber Paul Rudds Scott Lang ist fast schon das Abziehbild des aktuellen Marvel-Heldens, immer selbstironisch, nie fest zu nageln. Evangeline Lilys Hope ist das obligatorische Love-Interest, die mit ihrem mürrischen Vater Hank Pym einige ungelöste Familienstreitigkeiten hat. Auch Corey Stolls Rolle als Bösewicht Cross spielt seinen Part, aber sicher keine weitere große Rolle. Natürlich sind die Tony Starks, Lokis und Groots absolute Glücksgriffe. Publikumslieblinge, die zufällig entstehen und sich nur schwer bewusst entwerfen lassen, dennoch fällt es dann erst Recht auf, wenn es an wirklich charmanten Figuren in „Ant-Man“ fehlt.

Ant-Man PlakatDie Marvel-Formel funktioniert – noch!

Das macht „Ant-Man“ zu einem fast schon prototypischen Marvel-Film – was absolut als Qualitätskriterium gesehen werden darf! Produzent Kevin Feige und seine Mannen scheinen die Formel gefunden zu haben nach denen sich launige Blockbuster inszenieren lassen. Filme, die nicht langweilen, nicht dämlich sind und nicht stagnieren. Scheinbar zumindest. Denn die größte Stärke von „Ant-Man“ ist, dass er als klassischer Heist-Film im Stile von Einbruchskomödien ala „Oceans Eleven“ oder „The Italian Job“ funktionieren will. Marvel liefert uns nie einfach einen weiteren Superheldenfilm mit anderem Held, sondern versucht möglichst oft ein frisches Sub-Genre mitzubringen. Mit „Thor“ bekamen wir Sci-Fi/Fantasy. Der zweite Captain funktionierte als Spionage-Thriller mit Supersoldaten und „Ant-Man“ ist nun eben ein Einbruchsfilm mit Superhelden. Das macht den Film in diesem Fall auch unglaublich angenehm für Neueinsteiger. Der Film sollte auch Kinobesucher unterhalten können, die bis jetzt wenig aus dem Hause Marvel gesehen haben. Etwas, dass man über Avengers 2 mit all seinen Querverweisen, Storyfäden und Aufbauelementen sicher nicht sagen kann. Wo das kombinieren mit Sub-Genres wieder die nötige Frische rein bringt, bin ich gespannt ob die restlichen Marvel-Elemente über die zig Filme der nächsten Phase sich nicht doch langsam abnutzen. Denn sarkastische Helden und ironische Brechungen mögen auch bei mir problemlos die gewünschten Lacher hervorrufen. Auf lange Sicht, nach dem Kinobesuch, weisen sie aber bereits daraufhin, dass man als Zuschauer vielleicht nach mehr dürstet. Auch in seinem Comic-Kino. Wir erinnern uns alle daran, dass „The Dark Knight“ nicht trotz, sondern gerade wegen seiner pessimistischen Stimmung zu dem Meisterwerk wurde, der er heute ist. Ich will nicht sagen, dass Marvel mehr Ernst nötig hätte. Lediglich, dass zukünftige Filme auch mal diesen Weg gerne probieren dürfen. Vielleicht erübrigen sich all diese Bedenken aber bereits mit Marvels nächsten Schlag, denn im dritten Captain America „Civil War“ dürfte alleine wegen des verbitterten Kampfes zwischen Steve Rogers und Tony Stark, wahrscheinlich mit Opfern auf beiden Seiten, gar nicht so viel Platz für viel Sarkasmus und Selbstironie sein. Apropos kommende Marvel-Filme: Nachdem „Age of Ultron“ ja mit dem Fan-Liebling der After-Credit Szene brach, gibt es in „Ant-Man“ gleich zwei. Sitzen bleiben lohnt sich also.

Fazit von Simon

„Ant-Man“ erbt die Stärken und Schwächen der anderen Marvel-Produktionen, hat dank des ungewöhnlichen Szenarios aber einen nicht kleinen Vorsprung. Wo „Age of Ultron“ super unterhielt, aber unter dem Gewicht des gesamten MCUs zusammen zu brechen drohte, macht es „Ant-Man“ konzeptbedingt kleiner; und damit ganz groß! Denn wenn im Finale nicht das Schicksal der Welt sondern lediglich das Interieur eines Kinderzimmers auf dem Spiel steht, macht das so viel Spaß und sieht so gut aus, dass man etwas blasse Figuren und ein paar Tempo-Probleme problemlos verzeihen kann. Der Film hat den nötigen Witz, erbt einige klare Verweise auf Edgar Wrights erste Drehbuchfassung, die direkt einem „Hot Fuzz“ entsprungen sein könnten, drückt aber erst gegen Ende das Gaspedal so richtig durch, was auch okay ist. Denn so soll es ja sein.

… und was meint Tarante?

Scott Lang ist ein Kleinganove mit Masterabschluss, vom Pech verfolgt, Haftstrafe abgesessen und Besserung gelobt, denn schließlich hängt hiervon das Besuchsrecht seiner Tochter hat, die ihn abgöttisch liebt. Seine Ex-Frau ist neu verheiratet und das ausgerechnet mit einem Polizisten. Streit ist vorprogrammiert. Vorurteilen gegenüber Ex-Knackis, Arbeitgeber stellen ihn erst gar nicht ein oder kündigen ihn sofort wieder. Wiedereingliederung gescheitert, also ein nächster Bruch und dieser verändert sein Leben. Naja ein klein wenig. Gewisse Talente hat er ja

Wer ist denn dieser Ant-Man überhaupt?

Von den Legenden Stan Lee, Jack Kirby und Larry Lieber geschaffen, erschien 1962 in Tales to Astonish #27 erstmalig Ant-Man im Comic. Im Anzug verbarg sich der Biophysiker Dr. Henry „Hank“ Pym. Die Figur ist immerhin 53 Jahre alt und hat neben der Gründung der Avengers und der Erschaffung Ultrons einiges im Comicuniversum erlebt. Trotzdem reichte der auch als Giant-Man bekannte Pym nie die Berühmtheit seiner Teamkollegen. Umso erfreulicher ist es, dass Ant-Man nun mit einem Solo am Ende der zweiten Phase auch das Cinematic Universe von Marvel betritt. Im Anzug steckt nun Scott Lang, der sein Comic Debüt 1979 in The Avengers #181 feierte. Bereits hier war Langs Tochter die Motivation zum Diebstahl des Anzugs und Darren Cross der Antagonist. Das Grundmotiv und Konzept der Figuren werden von Marvel sensibel ins Kino transferiert. Sie schaffen neues und der Genrewechsel innerhalb der Filmreihe macht den Gang ins Kino immer wieder lohnenswert.

Marvel's Ant-Man Scott Lang/Ant-Man (Paul Rudd)  Photo Credit: Film Frame © Marvel 2015

Marvel’s Ant-Man
Scott Lang/Ant-Man (Paul Rudd)
Photo Credit: Film Frame
© Marvel 2015

Die Einführung der Figur ist gelungen. Sie hat Background und was sie aus meiner Sicht besonders sympathisch macht, keine Superkräfte. Der Anzug des Ant-Man verleiht ihm besondere Fähigkeiten, während Scott hingegen keine Ahnung von der Technik selbst hat. Der Anzug wurde von Hank Pym entworfen und dieser weist ihn darin ein. Peyton Reed inszenierte einige erfolgreiche Liebeskomödien und ist überraschend eine hervorragende Wahl als Regisseur von Ant-Man. Der Film versprüht einen lockeren Charme. Marvels Filmuniversum ist von Grund auf positiv, bunt und lustig eingestellt. Es grenzt sich somit deutlich von den DC Filmen rund um Batman und dem neuen Man of Steel ab. Zusätzlich schaffen Marvels Filme ein eigenständiges Leben zu entwickeln und binden sich trotzdem hervorragend in das Gesamtkonzept ein. Während Captain America: The First Avenger trashiger Natur war, entwickelte sich die Fortsetzung zu einem Politthriller klassischer Art. Thor belegt die Fantasyschiene und Guardians of the Galaxy ist ein Sci-Fi-Kracher.

Ant-Man ist im Grunde ein Heist-Movie. Es geht um einen Coup und im Mittelpunkt steht üblicherweise die Vorbereitung. Es muss ein Team zusammengestellt werden und hier beweist Marvel erneut ein Händchen bei der Besetzung bis in die Nebenrollen. Beim Oscar-Preisträger Michael Douglas weiß der Zuschauer was er erwarten kann. Paul Rudd hingegen, der bisher eher aus Liebesschnulzen bekannt ist, muss sich dem großen Publikum erst noch beweisen. Mit Ant-Man spielt er nun ein Gründungsmitglied der Avengers aus den Comics und wird mit Sicherheit auch in den kommenden Filmen, wie dem dritten Teil um Captain America: Civil War, eine zentrale Rolle einnehmen.

In den Nebenrollen sticht besonders Michael Peña hervor. Der Schauspieler mexikanischer Herkunft spielt einen Kleinganoven, der gerne bei seinen Geschichten etwas zu weit ausholt. Gerade diese Szenen hat Reed amüsant inszeniert. Man merkt deutlich, dass der junge Regisseur ein gutes Gespür für Timing hat. Die Gags sitzen und zugleich schafft er es den Bogen nie zu überspannen, rechtzeitig zurück zur Handlung zu gelangen und auch die Action-Sequenzen werden an passender Stelle durch einen Witz aufgelockert.

Marvel's Ant-Man L to R: Ant-Man/Scott Lang (Paul Rudd) and Cassie (Abby Ryder Fortson) Photo Credit: Zade Rosenthal © Marvel 2014

Marvel’s Ant-Man
L to R: Ant-Man/Scott Lang (Paul Rudd) and Cassie (Abby Ryder Fortson)
Photo Credit: Zade Rosenthal
© Marvel 2014

Die Story ist altbacken und hundertmal verfilmt. Ein typischer Heist Movie. Ich kann diese Art von Kino immer wieder schauen und bei Ant-Man wird meine Leidenschaft für Superhelden gleich mitbedient. Was will man mehr? Nach der Heldenflut in Avengers: Age of Ultron ist Ant-Man für den geneigten Zuschauer deutlich entspannter. Die Figuren bekommen ausreichend Platz zur Entwicklung und werden durch die Abwesenheit von Superkräften auch schneller greifbar, glaubwürdiger. Daher ist auch die Wahl des Gast-Avengers im Film eine Punktlandung.

Fazit von Tarante

Die Origin eines kleinen Helden mit Familienproblemen eingebettet in einem amüsanten Heist-Movie überzeugt auf ganzer Linie. Erneut beweist Marvel ein gutes Gespür im Umgang mit seinen Figuren und reiht Ant-Man spielend in die Kinoriege um Iron Man und Co ein.

Deutscher Kinostart von Marvel’s Ant-Man ist am 23. Juli 2015
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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1 Kommentar

  1. Ich finde, dass Paul Rudd so einiges wettmacht und als Sympathieträger reicht.
    Klar, der Rest des Casts ist vielleicht nicht soooooo toll, aber zumindest solide.

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