Filmkritik: Guardians of the Galaxy

In Form von zig Memes hat sich das Internet bereits seine Meinung gebildet: Es ist kurios, dass DC immer noch den Schritt Richtung Wonder Woman fürchtet, während Marvel keine Scheu kennt– und bei „Guardians of the Galaxy“ mit einem raketenwerfer schwingendem Waschbären und einem sprechenden Baum endgültig alle Grenzen sprengen zu wollen scheint!

Es war einmal vor langer, langer Zeit. Wir schreiben das Jahr 1988.

Der kleine Peter Quill wird nur Minuten nach einem schweren Schicksalsschlag von einem gleißenden Licht in die Weiten des Alls entführt um 26 Jahre später als Abenteurer und Schatzsucher auf fremden Welten mehr schlecht als recht Karriere zu machen. Der selbst ernannte „Starlord“ (Chris Pratt) stolpert auf seiner letzten Diebestour über ein ganz besonderes Artefakt und auch wenn er selbst keine Ahnung hat, von dem was er in den Händen hält, scheint die restliche Galaxis sehr interessiert an dieser kleinen, metallenen Kugel. So werden nicht nur das wohl seltsamste Kopfgeldjäger-Duo der ganzen Galaxis, bestehend aus dem Baumwesen Groot (Vin Diesel) und dem Waschbären Rocket (Bradley Cooper) auf ihn aufmerksam, sondern auch die grünhäutige Attentäterin Gamora (Zoe Saldana). Diese soll das Artefakt im Auftrag von Kree-General und Völkermörder Ronan in ihre Gewalt bringen, der dessen Macht für seine eigenen Zwecke missbrauchen kann. Bevor die verschiedenen Parteien aber überhaupt einander habhaft werden können, landen sie ungewollt im gleichen Schlamassel und müssen wohl oder übel zusammen arbeiten, wenn auch nur einer sein Ziel erreichen will. Selbsterklärend, dass diese Zusammenarbeit alles andere als reibungslos abläuft.

Ein mutiger Schritt in die Weiten des Marvel-Universums

Guardians of the Galaxy PeterDas es ein Konzept wie „Guardians of the Galaxy“ überhaupt mit einem entsprechend großen Budget auf die Leinwand geschafft hat, grenzt an ein Wunder, ist aber letztendlich sicher dem übermäßigen Selbstvertrauen der Marvel-Film Studios nach ihren letzten Kassenschlagern zu verdanken. Die Retter der Galaxis ziehen nicht nur ohne namhaften Frontmann in den Kampf sondern betreten mit der Welt Xandar, der dort ansässigen Polizei-Einheit Nova-Corps und den außerirdischen Kree eine für den Durchschnittszuschauer bisher völlig unbekannte Ecke des Kosmos. Von dem weltenreisenden Thor oder einem Sympathiegaranten wie Downey Jrs. Tony Stark weit und breit keine Spur und doch verankern sich die galaktischen Wächter mit zig kleinen Querverweisen im gleichen Universum. Jeder Seitenhieb, jedes Augenzwinkern scheint dem Marvel-Kinogänger sagen zu wollen: „Keine Angst, du bist immer noch zu Hause“. Sei es durch das Auftauchen von Thanos, den das breite Publikum spätestens seit dem Avengers-Abspann kennen sollte oder ein Verweis auf andere, mächtige Artefakte, die bereits in den Filmen zu Thor oder Captain America ihre Rolle spielten. Des weiteren lassen Regisseur James Gunn und sein Autoren-Team erst gar keine Befremdungsgefühle aufkommen, denn Chris Pratts „Starlord“ ist zwar ein Exil-Erdling, dank Walkman und Anspielungen auf Filme wie „Footloose“ aber seinem Geburtsplaneten doch mehr verbunden geblieben, als man zuerst annehmen möchte. Und zu guter Letzt ist das reine Abfeiern von Zitaten an das große Abenteuer-Kino, vor allem „Indiana Jones“ und die frühen „Krieg der Sterne“ die endgültige Absicherung, um sein Publikum bei der Stange zu halten. Dabei wäre all das gar nicht nötig, denn die Guardians alleine bringen genug Frische aufs Parkett um die Geschichte über ihre 120 Minuten zu tragen!

Guardians of the Galaxy Air Fight

Die neuen fünf Freunde

Denn eines ist sicher, so sehr wie dieses neue Team hätte in die Hose gehen können, so gut harmoniert es jetzt hinterher auf der Leinwand! Chris Pratt als Peter Quill ist eine Mischung aus Han Solo und Indiana Jones, gewürzt mit einer Prise Ungeschick und Kindsköpfigkeit und, dank einem sehr guten Script, immer mit einer passenden Ausrede auf den Lippen. Pratt, der sich für die Rolle des Sternenfahrers ein ordentliches Pack Muskeln antrainierte, sieht man die Spiellust in jeder Szene an. Er wechselt perfekt zwischen wortungewandtem Anführer und Brachialo, der auch mal draufzuhauen weiß und Marvel hat hier nicht nur einen kurzfristigen Glücksgriff gelandet, denn der Zuschauer sieht vor seinem geistigen Auge schon, wie unterhaltsam ein Zusammentreffen zwischen Pratt und Urgesteinen wie Tony Stark oder Steve Rogers werden könnte. Zoe Saldana als Kree-Söldnerin Gamora macht ihre Sache routiniert. Langsam könnte man den Eindruck bekommen, dass sich die Schauspielerin in Kostüm und Maske bald wohler fühlen müsste, als ungeschminkt vor der Kamera zu stehen. Das Prädikat „Gut“ verdient sich auch Ex-Wrestler Dave Bautista, der den muskelbepackten Drax mimt. Bautista war im Vorfeld sicher als schwächstes Glied in der Kette zu sehen, den die meisten Ex-WWEler können auf der Leinwand nur in ihren Action-Einlagen überzeugen, es bestand also schnell die Gefahr, dass „Batista“ schnell vom restlichen Ensemble erdrückt wird. Dem gehen die Köpfe hinter Guardians aber gekonnt aus dem Weg indem sie dem naiven, von Zorn zerfressenem Drax genau die richtigen Momente geben, die Bautista schauspielerisch weder unter noch überfordern. So holt er das Maximum aus der Rolle und den Anforderungen an diese raus. Überstrahlt wird das Team aber sowieso von den beiden Glanzlichtern Rocket und Groot – wieder mal kaum zu glauben, dass die Spezialeffekte inzwischen so weit sind, dass ein lebendiger Baum und ein mutierter Waschbär für die größten Lacher sorgen, die besten Momente haben und oft als größte Emotionsträger dienen. Drax und Gamora mögen ebenfalls eine Vergangenheit zu bewältigen haben, wenn aber Groot und Rocket auftreten, gehört die Leinwand ihnen, egal ob in Action-Szenen oder ruhigen Momenten – und das obwohl der lebendige Baum, gesprochen von Vin Diesel, nur einen Wortschatz von drei Worten hat!

Marvel's Guardians Of The Galaxy Milano Ph: Film Frame ©Marvel 2014

Und es geht weiter und weiter und weiter …

Als ob also Geschichte, Schauplatz und Figuren nicht schon genug Experimente wären, hat man sich auch für den Regiestuhl bei Marvel mal wieder nicht mit einer einfachen Wahl zufrieden gegeben und entschied sich stattdessen für Troma-Kind James Gunn. Die Troma-Studios, die durch selbstironische Splatter-B-Movies Bekanntheit erlangten, wirken eigentlich nicht wie der Hintergrund, dem der nächste Marvel-Regisseur entstammen würde, auch wenn dessen letzte Regie-Arbeit, der Anarcho-Vigiliantenfilm „Super“ zwar das Thema „Superheld“ zu Grunde hatte, aber ganz sicher nicht so, wie es die Allgemeinheit verstehen würde. Auf den zweiten Blick passt die Wahl allerdings perfekt, denn wer wäre besser geeignet so eine chaotische Heldentruppe auf die Leinwand zu bringen, als jemand der mit einem Vigilantenfilm voller irrwitziger Einfälle und Blutfontänen schon ähnliches auf die Beine gestellt hat. Gunn wird dabei von einem, wie schon erwähnt, hervorragenden Script unterstützt, inszeniert aber nichtsdestotrotz auf Blockbuster-Niveau, als hätte er seine ganze Schaffenszeit nichts anderes gemacht. Hier gelingt dem Film ein weiterer Kniff, denn mit einem inhaltlich motivierten Clou bekommen wir als Soundtrack statt bedeutungsschwerem Sci-Fi Score, 80er Jahre Hits wie „I want you back“ von den Jackson Five oder Marvin Gayes „Ain’t no Mountain High enough“ serviert – und es passt wie die Faust aufs Auge! Der Plot hangelt sich dabei geschickt von Schauplatz zu Schauplatz und lässt den Zuschauer fast vergessen, dass man eigentlich „nur“ Popcorn-Kino sieht. Denn von der Hetzjagd durch die Straßen einer futuristischen Metropole, über einen Gefängnisausbruch in der Schwerelosigkeit bis hin zum großen Finale ist alles so schwungvoll und locker inszeniert, dass der Film sich mit einer Laufzeit von 120 Minuten genau richtig anfühlt; großes Kompliment hierfür!

Guardians of the Galaxy Groot

Macht der Film den überhaupt nichts falsch?!

Selbst in den Nebenrollen scheinen sich die Guardians keine Blöße geben zu wollen ist doch auch Nova Corps-Vorsteher Rhomann mit dem Allrounder John C. Reily sehr gut besetzt und auch sonst tauchen alle Länge nach bekannte Nasen auf. Als weiteren Volltreffer stolpert der Zuschauer hier über den Banditenführer Yondu, einstiger Ziehvater des jungen Peters, der von „Walking Dead“-Mime Michael Rooker geradezu beißerisch präsentiert wird. Die Rolle scheint dem seit Jahren zum Gunn gehörenden Schauspielerensemble mit dem brachialen Ausdruck und dem heißeren Schreien geradezu auf den Leib geschneidert und auch hier darf man hoffen ihn nicht das letzte Mal im Marvel-Uniersum gesehen zu haben. In diesen ganzen Höhenflügen an tollen Figuren stellt überraschenderweise Lee Paces Ronan als Schurke den einzigen Schwachpunkt dar. Ist doch normalerweise eine gute Geschichte auch abhängig von einem guten Antagonisten, reicht in diesem Fall die Strahlkraft aller anderen Momente Gott sei Dank mehr als aus um Ronans schwache Motivation zu überscheinen. Er ist Böse um des Bösen willens und ein simpler Abziehbösewicht, um die Handlung voranzutreiben und fällt dadurch zwar in den Hintergrund, aber immerhin auch nicht weiter negativ auf. Ganz im Gegensatz zu Glenn Close als Nova Prime, die sicher Geschmackssache ist und für den einen oder anderen wahrscheinlich überhaupt nicht in diesen Film zu gehören scheint. Und ein „Makel“ soll hier nicht unerwähnt bleiben: Wer sich wie bei jedem Marvel auf die After-Creditszene freut, könnte gewaltig auf den Schnabel fallen – auch hier, reine Geschmackssache, aber ich fand sie leider sehr enttäuschend, aber da muss sich jeder sein eigenes Bild machen.

Fazit Simon:

Gibt es überhaupt jemanden, der diesen Film nicht sehen sollte? Ja natürlich! Das übliche Publikum, dass mit dem großen Sommerblockbuster nichts anfangen kann, wird auch hier sicher nichts finden wobei die übersympathischen Figuren und Dialoge eigentlich jedes Herz erweichen sollten. Für alle Anderen heißt das natürlich, dass sie mit „Guardians of the Galaxy“ Comic-Kino in Bestform serviert bekommen und sich nach dem Kinobesuch gleich über die Ankündigung eines Sequels freuen können. Bitte, bitte mehr davon, denn für jeden „Transformers 4“ braucht es zwei Filme von diesem Schlag, die zeigen können: „Beste Unterhaltung UND Hirn, schließen sich nicht aus“.

Fazit Spiri:

Der Regisseur James Gunn ist der wahre Superheld dieses Filmes, denn gegen seine Guardians sehen ein Thor smashender Hulk oder eine in Latex umhüllte schwarze Witwe alt aus. Frische, unverbrauchte Anti-Helden ziehen nahezu unfreiwillig in eine Rettungsmission, durchqueren im All persönliche Höhen und Tiefen und das Gesamtpaket wird mit einem fast tarantinoesken Soundtrack sowie einer gehörigen Portion Witz komplettiert.  Ihr dachtet die Avengers kann man nicht toppen? Wir lagen alle so falsch! Gunn präsentiert uns ein Sci-Fi-Abenteuer, welches mit atemberaubenden Effekten daherkommt, nuanciert im bekannten Marvel-Universum platziert ist, dabei seine Unabhängigkeit vom Rest voranstellt und letztendlich den Zuschauer begeistert den Abspann beklatschen lässt. Der dreckige Look des Films gibt dem farbenprächtigen Effektemix einen gewissen Retrocharme, der enorm dazu beiträgt die gesamte Story glaubwürdig zu erden. Man liest es wahrscheinlich zwischen den Zeilen heraus, aber Guardians of the Galaxy hat mir schon irgendwie gefallen. Der Gang in die Filmpaläste lohnt sich, denn wollt ihr euch wirklich die abwertenden Blicke antun, weil ihr diesen Film nicht im Kino gesehen habt?

GUARDIANS OF THE GALAXY Regie: James Gunn Mit Chris Pratt, Zoe Saldana, Dave Bautista, Vin Diesel als Groot, Bradley Cooper als Rocket, Lee Pace, Michael Rooker, Karen Gillan, Djimon Hounsou, John C. Reilly, Glenn Close als Nova Prime und Benicio Del Toro als The Collector Deutscher Kinostart: 28. August 2014 Im Verleih von Walt Disney Studios Motion Pictures Germany auch in Disney Digital 3D™
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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