Filmkritik Doctor Strange

„Marvelous“ können sie schon, aber wirds jetzt auch wirklich „strange“ – die neuste Produktion aus dem Hause Marvel/Disney möchte das Publikum in die ungewöhnlichen, magischen Ecken des Superhelden-Universums entführen. Ein Road-Trip ins Ungewohnte also, ganz ohne Schlaglöcher, ungeplante Pausen oder Papis Abkürzungen?

Vom Magier am Messer zum Sorcerer Supreme

Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) ist eine Koryphäe seines Gebiets, der Neurochirurg und Medizin-Star ist von seinem Intellekt fast so sehr überzeugt wie von seiner ruhigen Skalpellführung. Daran können auch die Sticheleien durch Kollegin Christine (Rachel McAdams) nicht viel ändern, die weiter die Hoffnung hegt, dass dieser eines Tages zu mehr findet als nur medizinischen Tagungen und den prestigeträchtigsten Fällen.
Dieser Einschnitt erfolgt früher als erwartet als Strange einen Autounfall später mit schweren Nervenschäden an seinen Händen wiedererwacht und in eine tiefe Existenzkrise stürzt. In seiner Verzweiflung folgt Strange dem Ruf ins ferne Nepal, wo er auf „Die Älteste“ (Tilda Swinton) und ihre Jünger, darunter Meister Mordo (Chiwetel Ejiofor), die sich in ungewöhnlichsten Ritualen gebärden, trifft. Stephen begreift schnell, dass mehr hinter dem Kloster steckt als Quacksalberei und Wunderheilung und die Älteste führt ihn in eine Welt, jenseits der bekannten Sphären.
Dort sucht jedoch der gefallene Schüler des Tempels, Kaecilius (Mads Mikkelsen), ebenfalls nach Antworten – und schreckt dabei auch nicht vor Mord an seinen alten und neuen Klosterbrüdern zurück.

Marvel's DOCTOR STRANGE L to R: The Ancient One (Tilda Swinton) and Doctor Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) Photo Credit: Film Frame ©2016 Marvel. All Rights Reserved.

Marvel’s DOCTOR STRANGE
L to R: The Ancient One (Tilda Swinton) and Doctor Stephen Strange (Benedict Cumberbatch)
Photo Credit: Film Frame
©2016 Marvel. All Rights Reserved.

Die geborene Arroganz

Wer Cumberbatch bereits in seinen Auftritten als Sherlock Holmes genießen konnte, wird nach dem Lesen dieser kurzen Inhaltsangabe ebenfalls schnell zu der Gewissheit gelangen, dass der Brite für die Rolle des gefallenen Arroganzlers passt, wie die Faust auf Agamottos Auge. Cumberbatch schlüpft scheinbar mühelos in die Haut des gefallenen Großkotz der zum Weltenretter wird – und stemmt damit problemlos einen Großteil des Films allein. Dennoch kann er sich jederzeit auf seine ebenfalls sehr guten Co-Darsteller verlassen, dabei sticht Tilda Swintons als „Älteste“ mal wieder nicht nur dank ihrer großen Spielfreude heraus, sondern zeigt sich einmal mehr, ob jetzt nach „Snowpiercer“ oder „Only Lovers left alive“ als perfekte Besetzung für verfremdende Performances unter denen sie als Person auch mal komplett zu verschwinden scheint. Chiwetel Ejiofor scheint mit der Rolle des Mordo etwas unterfordert, aber macht dennoch einen guten Job und Strange-Sidekick „Wong“ gespielt von dem gleichnamigen Benedict Wong, kann sich mit einigen starren Gesichtsausdrücken so manchen Lacher sichern. Wo der Cast insgesamt also kräftig an einem Strang zieht und „Dr. Strange“ damit viel von seinem Charme, eben besonders im Marvel-typischen Schlagabtausch, verleiht, kann Mads Mikkelsen Besetzung als schurkischer Zauberer Kaecilius unterm Strich nur als ziemliche Verschwendung betrachtet werden – und gleichzeitig als Symptom einer viel größeren Schwierigkeit, die „Doctor Strange“ zu plagen scheint.

Marvel's DOCTOR STRANGE Doctor Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) Photo Credit: Film Frame ©2016 Marvel. All Rights Reserved.

Marvel’s DOCTOR STRANGE
Doctor Stephen Strange (Benedict Cumberbatch)
Photo Credit: Film Frame
©2016 Marvel. All Rights Reserved.

Mantel 1 – Bösewicht 0

Denn Mikkelsen hier Vorwürfe machen zu wollen, wäre Unfug. Der Däne macht aus seiner Rolle, was er kann und sorgt mit seinem stoischen Ernst auch für einige Schmunzler. Aber eben hier liegt der Hund begraben, Marvel schafft es erneut nicht sein Antagonisten-Problem zu lösen und, noch schwerwiegender, scheint man es im Haus der Ideen gar nicht mehr zu probieren. Kaecilius wird zu keiner Minute versucht als tatsächliche Bedrohung, besonders für den Helden, zu platzieren. Stattdessen verlassen sich Regisseur Derrickson und seine Co-Autoren auf die inzwischen für Marvel so typische Selbstironie, auch in Bösewichtsfragen. Das dies an und für sich erstmal nichts schlechtes sein muss, sicher, doch „Doctor Strange“ leidet dadurch, auch dank der absolut generischen Handlungs- und Plotstruktur, schnell unter dem „Das kenne ich doch alles schon“-Phänomen. Wenn es so schön heißt, dass „ein Held nur so gut ist wie sein Bösewicht“, dann kann man dies ignorierend „Dr. Strange“ problemlos genießen – aber sicher nicht verleugnen, wie viel Potenzial für einen „größeren“ Film hier auf der Strecke bleibt. Für den Augenblick scheint Kevin Feiges Marvel-Universum der unangefochtene Spaß-Macher sein zu wollen und zu können. Gleichzeitig stellen sie sich aber, wie eben auch im Falle von „Doctor Strange“, damit selber ins Abseits und verpassen die Chance dem Genre ihren Stempel aufzudrücken – die großen Bösewichte der Filmgeschichte werden wohl erstmal die Darth Vaders und Jokers anderer Franchisen bleiben.
Fast schon traurige Bilanz also, natürlich auch wieder mit einem ebenso lachenden Auge, wenn Stephen Stranges belebter Zauberumhang à la des Teppichs in Disneys Zeichentrick „Aladdin“ mit einem stummen Eigenleben daher kommt und für unterhaltsame Slapstick-Einlagen sorgt. Und damit mehr in Erinnerung bleibt als die gesamte Gegenspieler-Riege der sich Strange im Laufe der Handlung gegenüber sieht.

Marvel's DOCTOR STRANGE New York City Photo Credit: Film Frame ©2016 Marvel. All Rights Reserved.

Marvel’s DOCTOR STRANGE
New York City
Photo Credit: Film Frame
©2016 Marvel. All Rights Reserved.

We need stranger things!

Als moderner Blockbuster aus dem Gewinner-Studio kann „Doctor Strange“ selbstverständlich mit absoluten State-of-the-Art Effekten aufwarten – ob sich faltende Wände, fließende Bodenbelege oder komplett umgekrempelte Städte, an der Qualität der Momente lässt sich sicher kaum etwas aussetzen. Allerdings dürften diese Szenen in einer Welt nach „Inception“ wahrscheinlich nicht mehr ganz die gleiche Schlagkraft entfalten. Im Vergleich zu Nolans Versessenheit auf praktische Effekte wirken die CGI-Gemälde, die „Doctor Strange“ zu zaubern versucht, dabei stellenweise zwar als Schmankerl fürs Auge, aber auch wenig spürbar und zu einem Grad „hohl“. Dies wäre ebenfalls weder neu noch verwerflich, mit diesen Problemen schlagen sich auch andere Blockbuster herum, doch auch hier kommt man schnell nicht mehr umhin verschenktem Potenzial hinterher zu schauen – denn für den ausgerufenen Ausflug in die „ungestüme, magische Welt des Marvel-Kosmos“ ist „Dr. Strange“ überraschend zahm geraten. Die erwähnten perspektivischen Spielereien müssen zusammen mit ein paar gezauberten Waffen aus Glas dann schon „seltsam“ genug sein, größere Experimente wagt der Film nicht. Statt wirrer Mindfucks oder paradoxer Verwirrungsspiele, die Zuschauer und Protagonist auch mal für einen Moment über das Geschehen im Unklaren lassen, gibt es das gewohnte Blockbuster-Martial Arts – hier dann halt mal in körperloser Astral-Form, ohne groß merkliche Unterschiede. Da haben es die „Harry Potter“-Reihe oder auch nur Jack Sparrows Ausflug in die weiße Sandwüste der Vorhölle im dritten „Fluch der Karibik“ geschafft wesentlich seltsamer, experimentierfreudiger und sogar interessanter zu sein, was ihre magische Welt angeht. Gemessen an der prall gefüllten Comic-Vorlage, die allerlei Material für wirre, witziger Wahnsinnsmomente zur Verfügung gestellt hat und hätte, ist dies außerdem doppelt so offensichtlich.

Fazit:

Also ist „Dr. Strange“ strangerweise kein guter Film? Mitnichten. Den großen Absturz ins Mittelfeld verhindern die gelungene Besetzung, die stabile Regie und das absolut saubere Handwerk aller Beteiligten. Allerdings fehlt es dem magischen Doktor eindeutig an den nötigen Innovationen bei Erzählung, Figuren und besonders dem Antagonisten, was nur schwer gegen mögliche Ermüdungserscheinungen des Superhelden-Genres ankommen kann.
Damit komm ich nicht darum zu fordern: Mensch Marvel, traut euch mal wieder was! Baut eure Führungsposition aus, nicht durch dauerndes wiederholen der gefundenen Formel, sondern durch Experimente und Wagnisse bei Plot-Aufbau, Inszenierung und Figuren.
Letzten Endes ist „Dr. Strange“ aber immer noch ein Film aus dem Hause Marvel und lässt sich wohl am Besten mit Sex oder Pizza vergleichen – „selbst wenn er mittelmäßig ist, ist er immer noch gut“.

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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1 Kommentar

  1. Also ich bin absolut begeistert von dem Film und mich stört es weniger das der Bösewicht vielleicht nicht der schrecklichste ist. Mir gefällt die Stimmung des Films eher lustig als schlimm duster. Aber das ist natürlich alles Subjektiv und für mich ist es wichtiger das es ein Happy End gibt. Den Mantel fand ich auch echt toll. Im Ganzen also ein toller Film, wie ich finde.

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