Esmera

Mal ein ganzes Stück abseits vom Mainstream angesiedelt ist „Esmera“: ein knisternder Fantasy-Porno, der es gekonnt schafft, lustvoll mit Klischees zu spielen und dabei Spaß macht, ohne vulgär oder platt sein zu müssen.

Eigentlich, mit diesem Fazit vorweg, würde sich eine weitere Rezension schon fast erledigen. Gott sei Dank, möchte man als Autor fast rufen, denn bei schlüpfrigen Thematiken sind doch gerade Zwischenüberschriften das reinste Minenfeld. Denn wo man sich sonst über jeden pointierten Einfall freut, der das Geschriebene zusammenfasst, würde man bei „Esmera“ zu schnell bei plumpesten Gags landen – oder dem Saustall im eigenen Hirn. Denn weder „Die Frau im Manne. Oder umgekehrt?“ noch „Was dahinter steckt“ lassen sich als potenzielle Untertitel so locker weg lesen ohne die (Fremd)Schamesröte ins Gesicht krabbeln zu lassen. Dabei gibt einem der Comic selbst, mit seiner Geschichte rund um die Schülerin Esmera, die auf einer katholischen Mädchenschule erst ihre Sexualität und dann noch eine ganz überraschende Seite an sich entdeckt, wenig Anlass zur Beschämung. Denn von emotionslosem Porno ist der Doppelband von Zep und Vince jederzeit genauso weit entfernt, wie von der augenzwinkernden Teenie-Erotik eines „Eis am Stiel“. Stattdessen ist „Esmera“ zu jedem Zeitpunkt bei seinen Emotionen genauso freizügig wie in seinen häufigen Schäferstündchen. Denn ihre sexuelle Erweckung feiert die Hauptfigur nicht nur in Form der zu erwartenden Szenarios, sondern der Leser ist eingeladen mit ihr (und ihm) eine dekadenumspannende Reise anzutreten.

esmera-bild-fuer-beitrag-1
Warme Wonne in blassen Farben

Dabei dürfte der gewählte Stil von Zeichner Vince besonders überraschen, passt die farbentleerte Monochromie doch so ganz und gar nicht zu der eigentlich lebens- und vor Allem liebevollen, Erzählung. Dieses Vorurteil dürfte sich für die meisten Leser jedoch schnell erledigen; nicht nur, dass Vince auch ohne Farben seinen Bildern unglaublich viel Leben einzuhauchen weiß, die geringe Farbpalette selbst hilft wohl dabei Esmeras erotische Eskapaden davor zu bewahren ins Schmuddelige abzudriften. Hier ist man vielleicht schnell der Idee erlegen, dass „alles was Schwarz/Weiß gehalten wird, gleich Kunst ist!“ aber ganz absprechen lässt sich der Vorteil dieses Klischees hier wohl nicht. Vinces Stil lädt, abseits der schon an und für sich hervorragenden Zeichnungen und perfekt sitzender Mimik, simpel gesagt, einfach dazu ein „Esmera“ eine Chance zu geben um abseits seiner erotischen Wurzeln ebenfalls zu blühen.

Ich will Spaß, Ich will Spaß
esmera-cover
Denn auch hier, im eigentlichen Spiel um die Geschichte, liefert „Esmera“ manchmal nur Leinwand fürs erotische Fantasieren (Wenn ein nackter Mann auf der Suche nach seinen Klamotten von der Besitzerin des Gartens bei seiner Suche überrascht wird, endet das in unserer harten Realität sicher eher mit einer Strafanzeige, statt wie hier mit einer schnellen Nummer), dann wieder die Gelegenheit zum spöttischen Kommentar, ob nun gegen die prüde Internats-Aufseherin oder den heuchlerischen Hippie – beides aber immer mit gerade der richtigen Portion Selbstbewusstsein und immer der Gewissheit vor Auge zu allererst einmal Spaß machen zu wollen und dann erst vielleicht be- oder aufklären zu wollen. Da ist es auch zu verkraften, dass gerade im Vergleich zu einigen wirklich gelungenen Spitzen (Eingangs stellt Esmera Sexualität und Glauben in einen lustigen Zusammenhang), so manch markiger Kommentar eher übers Ziel hinaus oder am Leser vorbeischießt. Die jederzeit spürbare Intention, unterhalten und anregen zu wollen, rettet eben auch in diesen Momenten, dass man sich dazu verleiten ließe „Esmera“ als zu Ernst oder zu billig einstufen zu wollen.

zur Leseprobe

„Esmera“, Autor: Zep, Zeichner: Vince, erscheint bei Splitter im Hardcover, 80 Seiten, 19,80€

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

Share This Post On

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*