Samurai Gesamtausgabe 1 und Legenden

Doppelt hält besser – daher schauen wir diesmal gleich auf zwei Bände aus dem „Samurai“-Kosmos, einmal die dicke Gesamtausgabe mit den ersten drei Alben sowie das zeitlich versetzt spielende Spin-Off „Legenden“.

Der Samurai auf der einsamen Landstraße

Die Handlung, sowohl des Hauptbandes als auch des Spin-Offs, dreht sich um einen Machtkampf im feudalen Japan, der die gesamten herrschenden Strukturen zu Fall zu bringen droht. Der durchtriebene Daimyo Akuma ist durch den Fund eines mysteriösen Schatzes zu unerklärlicher Macht gelangt, durch seinen neuen Reichtum bedrohen er und seine wachsende Zahl an Verbündeten, das Kaiserreich – außerdem soll er seit dem Fund mit einem Dämon, dem 13ten Propheten, im Bunde stehen. Wo der Dämon noch von vielen ins Reich der Mythen verbannt wird, sorgen Akumas Handlanger bereits für Angst und Schrecken, angeführt werden sie dabei von einem Schwestern-Trio, darunter auch die gnadenlose Furiko. Akumas Gesandte sind dabei auf der Jagd nach einem Kind, dass sich eher zufällig als für den Propheten interessant offenbart hat. Unfreiwilliger Beschützer des Kindes, seiner Hebamme und der restlichen Familie ist der getriebene Ronin Takeo, begleitet von seinem stets quengelndem Diener Shiro. Takeo, eigentlich auf der Suche nach seinem Bruder und Bruchstücken seiner Vergangenheit, gerät ungewollt in den Konflikt, sieht es aber als seine Pflicht an, den unschuldigen Bauern Geleitschutz zu bieten.

Ein Megaband im Megaformat

Als Freund der Omnibus-Sammlungen, bspw. der „Captain America“-Bände aus dem Hause Marvel, bin ich ein Fan geballter Comic-Kost in etwas besserer Verarbeitung. Es hat einfach was für sich nicht nur ein wabbeliges Softcover zwischen den Fingern zu haben, dass sich dazu auch noch als schnell durchgelesen herausstellt, sondern eine am besten gleich bibeldicke Sammlung in den Händen zu halten, die über ganze Nachmittage tragen kann. Dieser Idee kommt die Samurai Gesamtausgabe der ersten drei Bände schon ziemlich nahe, zusammen mit der splitter-typischen hochwertigen Hardcover-Verarbeitung im Album-Format. Die Gesamtausgabe fühlt sich dadurch besonders wertig an und dürfte interessierten Sammlern große Freude bereiten. Dabei muss man eigentlich wieder mal kaum erwähnen wie zuträglich das Format sich für das Gezeichnete darstellt, Frédéric Genêts Panels verwandeln sich stellenweise fast schon in Gemälde. Gerade tolle Panorama-Momente und Schlachtaufnahmen sind für detailverliebte ein Augenschmaus und was die im Klappentext versprochene „Exotik“ angeht, lassen Genêts Zeichnungen hier nichts anbrennen. Das japanische Mittelalter präsentiert sich hier in einer bunten Vielfalt, mal im mystischen Jade-Grün, dann im Blau des Meeres und dann wieder im Gelb einer untergehenden Sonne. Und auch beim Figurendesign, gerade was Kleidungsstücke, Kriegswerkzeug und Maskierungen angeht, sieht man eine liebevolle Arbeit in eigentlich jedem Entwurf. Dies trägt, wie bei vielen guten Comics, auch weiter dazu bei, den Figurenkosmos überschaubar zu machen – auch wenn Namen mal nicht hängen bleiben sollten, so kann man sich fast immer über das Design wieder zu Recht finden.

Hey, immerhin eins von zwei …

Das klingt alles seltsam vertraut, wenn man sich an „Sensei“ zurückerinnert, ebenfalls von Di Giorgio geschrieben und ebenfalls mit einem tadellosen, stimmungstragenden Zeichenstil. Als große Krux stellte sich dort aber schnell der viel zu platte, uninspirierte Plot und die absolut eindimensionalen Figuren heraus – bleibt die Frage, ob „Samurai“ und „Legenden“ einen ähnlichen Weg gehen? Jein, denn auf der Bingo-Karte schafft es Di Girogio diesmal immerhin beim Plot abhaken zu können. Dieser ist zwar wieder nicht sonderlich originell, hat aber etwas mehr Fleisch auf den Rippen, dass neugierig machen könnte; sei es der simple Ausgang um Akumas Putschversuch oder was sich tatsächlich hinter dem Schatz und dem 13ten Propheten verbirgt. Für alle, die sich darauf einlassen wollen, dürfte das gerade so genug sein, auch weil einige nette Slapstick-Momente zu zünden wissen, besonders wenn sie sich auf das rein visuelle Erzählen verlassen. Denn sobald die Figuren tatsächlich mal den Mund aufmachen erweisen sie sich als ebenso eindimensional wie im dafür kritisierten „Sensei“. Ob Takeo im großen Abenteuer oder Furiko in dem „Legenden“-Einzelband, beide schaffen es über ein Abziehbild nicht hinaus, was sich als verdammt schade erweist, bleibt doch so viel erzählerisches Potenzial auf der Strecke. Dazu kommt eine irgendwann überdrüssliche Herangehensweise an die Action-Sequenzen, beide Figuren sind solche Meister ihres Fachs, dass kein Gegner eine Gefahr darzustellen scheint. Die Figuren nehmen ihre Gegner selten ernst und so gibt es keinen Grund für den Leser es nicht genauso zu halten. Gepaart mit den dünnen Figuren erweisen sich die meisten Dialoge auch als viel zu simpel, da kein Charakter scheinbar mehr mitzuteilen hat als seinen einzigen Charakterzug. Oftmals wird das Ganze noch durch ein unnötig hohes Maß an Exposition erschwert, die den Inhalt mancher Sprechblasen einfach nur noch maschinell und tot wirken lassen. Wenn ein trunkfreudiger Mönch in einer Gedankenblase wortgenau denkt „Ich muss jetzt das Sake-Lokal im Dorf besuchen“ fühlt man sich an das Info-Fenster eines bedürftigen SIMS im Gaming-Bereich erinnert und nicht an eine wirklich denkende Figur. Ach und wer gehofft hat, dass sich bezüglich des oft unpassenden Erotik-Einsatzes seit „Sensei“ viel geändert hat, sollte auch hier nur leise jubeln. Ja, es ist nicht mehr ganz so schludrig wie zuvor, hat aber immer noch wenig reizvolles, wirkt exploitativ ohne Spaß machen zu können und ist gerade zusammen mit der mageren Figurenzeichnung weiter eher die Eisenkugel am Fuß als befreiende Schaulust. Deutlich ablesbar ist dies wohl mitunter an einem Moment zwischen Takeo und der Hebamme, wenn Di Giorgio eben vorher nicht groß an einer nuancierten Charakterisierung interessiert ist, wirkt ihr fleischlüsterner Überfall auf Takeo eben nie wie ein tatsächlicher Charaktermoment, sondern wie pubertäre Autorenfantasie.

Kulturhistorische Einöde

Wer sich mit dem oben Zusammengefassten nicht weiter plagt, wer sich an all diesen Problemen in „Sensei“ bereits nicht gestört hat, darf hier gerne direkt zum Ende und zum „Kaufen“-Knopf springen. Und wem tolle Zeichnungen und ein okayer Plot reichen um dünne Figuren auszugleichen, auch der sollte „Samurai“ näher ins Auge fassen. Mich allerdings hat noch ein weiterer, großer Punkt an der Welt gestört, die Di Giorgio und Genêt hier entwerfen. Was sich bereits in „Sensei“ anbahnte wird hier zur absoluten Gewissheit: Wer in der Hoffnung zur Serie tritt hier tatsächlich „exotischen Samurai“-Comic erzählt zu bekommen, der wird bis auf die Zeichnungen, enttäuscht werden. Denn was eine tatsächliche Annährung an Kultur, Historie und Themen angeht ist „Samurai“ ein absolut flaches Brett. Auch dieser Einwand ließe sich möglicherweise zur Seite wischen, wer verlangt denn, dass der Comic akkurat zu sein hätte. Natürlich niemand, allerdings fehlen dann die Gegenelemente um es auszubalancieren, sei es ein viel soliderer Plot, runde Figuren oder ein stärkerer Fokus auf fantastische Elemente. In seiner tatsächlichen Form schafft es „Samurai“ nämlich nicht an die großen Vorbilder aus Fernost anzuknöpfen, dafür fehlt, wenn man ehrlich ist, jedes tatsächliche Interesse an der historischen Realität. Die Geschichte könnte in genau dieser Form eins zu eins in einem simplen Mittelaltercomic im Schauplatz Europas angesiedelt sein, ein deutliches Zeichen dafür, dass auf alles verzichtet wurde, was tatsächlich „exotisch“, was tatsächlich anders und interessant hätte sein können. Wo ist die strikte Stände-Gesellschaft der Epoche, wo die Details zur Einzigartigkeit der Samurai-Kaste, wo, trotz ausdrücklich koreanischer Bauern, das höchst komplexe Verhältnis zwischen beiden Nationen? Noch einmal, natürlich steht ein Historien-Comic nicht automatisch in der Pflicht sich seinem Thema mit dem höchsten Maß an Genauigkeit zu nähern. Allerdings sollte er mir gegenüber seine Existenz soweit rechtfertigen, dass er mir im Verzicht darauf etwas anderes bieten möchte. „Sensei“ wollte ohne auf irgendwelche Details eingehen zu müssen ein simples Abenteuer von einem Samurai in China erzählen und hat dabei keine sonderlich gute Figur gemacht. „Samurai“ ist daraus folgend eine simple Abenteuergeschichte mit wenig Neuem und kaum Alleinstellungsmerkmalen. Das mag besser sein, gemessen aber an dem was Genêt zeichnerisch aufs Papier zaubert, was die Wertigkeit des Bandes angeht und was grundsätzlich ein interessiert-erzählter Samurai-Comic so hergeben würde ist es leider immer noch etwas zu wenig.

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„Samurai Gesamtausgabe 1“ und „Samurai Legenden: Furiko“ erscheinen bei Splitter, je 34,80€ und 14,80€ im Hardcover. Geschrieben von Jean-Francois Di Giorgio und gezeichnet von Frédéric Genêt.

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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