Die schwarzen Moore

Neues von der Konstante des frankobelgischen Comics – In Doppelrolle als Autor und Zeichner erkundet Christopher Bec in „Die schwarzen Moore“ die sumpfigen Tümpel der Aubrac – und die Sage des legendären Monsters, welches dort herumgeschlichen sein soll.

„Drauß vom Moore komm ich her …“

Bei der Berufsbezeichnung „Landschaftsfotograf“ mag unsereiner viel Arbeit und schlechte Bezahlung in den Sinn kommen. So wie Zeichner Bec das französische Hochplateau der Aubrac aber auf die Seiten zaubert kann man die Begeisterung von Hauptfigur Antoine für seinen Beruf leicht nachvollziehen. Noch bevor sich die Geschichte überhaupt in ihren Grundzügen entfaltet hat, dürften sich die meisten Leser bereits in den riesigen Panels verloren haben und die gemäldehafte Landschaft bestaunen – braun-sandige Grasfelder, nur unterbrochen von sumpfigen Tümpeln und einigen verstreuten Ruinen. Das Albumformat tut den meisten Splitter-Titeln bereits sehr gut, Becs Arbeit profitiert hier aber im absoluten Übermaß und die Landschaftspanels scheinen sich aufs Gigantische aufzublähen. So genießt man als Leser die optische Wucht dieser eigentlichen Einöde zusammen mit Antoines Streifzug durch selbige. Dieser wird aber allzu bald durch eine Nebelwand überrascht und zu einem nahen Anwesen getrieben. Dort haust der raue Baptiste mit seiner verschlossenen Tochter Melody. Und obwohl die Beiden wirklich nicht den gastfreundlichsten Eindruck vermitteln will Baptiste Antoine für die Nacht nicht auf die Straße setzen – denn dort schleiche nach Einbruch der Dunkelheit etwas Gefährliches um das Anwesen herum.

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FABELhaft

Klappentext und Einstiegspanels erwecken den Eindruck, dass es sich bei „Die schwarzen Moore“ um eine weitere Geschichtedie-schwarzen-moore-cover rund um die Bestie von Gévaudan handle – der Mythos demnach eine wolfähnliche Kreatur um 1760 die französische Provinz heimgesucht haben soll. Für mich, als Freund von filmischen Verarbeitungen des Themas wie „Pakt der Wölfe“, war dies der Hauptgrund einen Blick auf Becs schwarzes Moor zu werfen. Die Geschichte spielt lange, sehr lange auch mit den Grundzügen der Sage, dreht sich im Kern allerdings doch um andere, aber genauso interessante Themen. Hier soll nichts verraten werden, aber „Die schwarzen Moore“ ist kein Monster-Horror oder Kreaturen-Grusel (wenn sich Bec auch eine Verbeugung vor einem der kultigsten Comic-Monster nicht ausspart), sondern ein ambivalentes Kammerspiel. Die Karten liegen eigentlich auf dem Tisch und doch ist nicht alles wie es scheint, die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen für Antoine und Leser zunehmend. Zu all dem packt der Autor einiges an nackter Haut und eine oft Panel-übergreifende sexuelle Spannung, die sich mit den düster drückenden Bildern letztendlich zu einer wohligen Schauermär verdichtet. Allerdings liegt für Bec die Würze in der Kürze und „die schwarzen Moore“ ist dank hohem Lesetempo auch (zu) schnell wieder vorbei. Wer also die Anschaffung plant sollte sich bewusst sein, dass sich die wahre Stärke des Bandes wohl erst über das mehrmalige Lesen entfalten dürfte.

Fazit:

Aus dieser schummrigen, französischen Provinz kommt ein Kammerspiel von Lust und Schuld gekrochen statt Monster aus dem Sumpf. Damit ist Becs „Die schwarzen Moore“ absolut nichts für den schnellen Kick oder eine spukige Detektivgeschichte à la „Rowans Rise“, sondern mehr eine Ausführung in Fühlen und Atmosphäre. Wer für die düsteren Winterstunden eine lauschige Kaminfeuer-Lektüre in der Tradition eines Edgar Allen Poes sucht, sollte „Die schwarzen Moore“ aber für einen Ausflug in Erwägung ziehen!

zur Leseprobe

„Die schwarzen Moore“ von Zeichner und Autor Christopher Bec erscheint bei Splitter im Hardcover, 64 Seiten, 15,80€

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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