Die Saga der Zwerge 4: Oösram von den Wanderern

Nicolas Jarrys Zwergensaga geht mit „Oösram von den Wanderern“ in die vierte und vorletzte Runde. Und nach Geistlichen, Attentätern und Soldaten geht es diesmal um die Ausgestoßenen der Zwergengesellschaft – und deren Kampf gegen die Unterdrückung.

Ich bin Oösram! Nein, ich bin Oösram! NEIN, ICH bin …

In den letzten drei Bänden durften wir bereits verschiedene Grundfesten der zwergischen Welt kennen lernen und dabei ging es bisher schon äußerst ambivalent zu. Die Zwerge standen ihrem Glück und Erfolg meist gegenseitig mehr im Weg, als es ein hochnäsiger Elf oder eine barbarische Grünhaut je könnte. Noch dicker kommt es allerdings für Protagonisten Oösram. Als einstmals großer Feldherr bei einem Beutezug der Goldgier unterlegen, findet dieser sich in der Verbannung unter anderen Ordenslosen, den sogenannten „Wanderern“ wieder. Also versucht er aus dem kargen Umland eine bescheidene Existenz für sich und seine Familie herauszuschlagen, dem friedlichen Leben stehen aber nicht nur die exorbitanten, alles aufzehrenden Steuern im Weg. Denn „Wanderer“ sind vogelfreie, die regelmäßig überfallen, aufgeknüpft und ausgebeutet werden. Ein Umstand, der selbst den ruhigen Oösram irgendwann dazu bringt, seinen Pflugschar gegen die Streitaxt einzutauschen. Und das nicht als Einziger.

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Alles beim Alten und doch so gut wie noch nie?

Die Stärken und Kritikpunkte bei der Saga der Zwerge dürften sich an dieser Stelle eigentlich nicht mehr groß ändern, wieder wird Jarrys etwas zu Caption-lastige Erzählung durch eine tolle, detailverliebte Präsentation einer durchdachten Welt aufgewogen. Auch „Oösram von saga-der-zwerge-4-coverden Wanderern“ ist ein gelungener Spaziergang zwischen Fantasy-Klischees und genug eigenen Ideen, um sich abzuheben. Auch wenn es Jarry wieder nicht schafft seine eigentlich spannende Welt dem Leser etwas greifbarer und vernetzter zu machen, nach jetzt vier Bänden sind die Namen von Burgen, Flussfestungen und Inseln immer noch absolut austauschbar und schnell vergessen, weit weg also von dem großen Vorbild bspw. eines Morias, dass schon vor dem ersten Betreten alleine durch das Beschwören seines Namens Gänsehaut auf Fan-Arme krabbeln lässt. Und dennoch ist der vierte Band der vielleicht beste der bisherigen Reihe. Die ersten zwei Bände verloren sich noch zu sehr in einer zu bekannten Story oder einer Atmosphäre die mehr edgy und düster als originell sein wollte. Band 3, „Aral vom Tempel“ wusste hier schon besser, eigene Wege einzuschlagen, das vorliegende vierte Abenteuer scheint die vorläufige Spitze dieser Reise zu bilden. Jarry umschifft bei seiner Erzählung geschickt die bekanntesten, erzählerischen Klischees, gerade wenn davon auszugehen ist, dass die meisten Leser sich an die Legende/Verfilmung von „Spartacus“ erinnert fühlen und damit das Ende erahnen dürften. Wenn der Weg das Ziel ist, macht „Oösram von den Wanderern“ alles richtig, der Band nimmt sich ausreichend Zeit das Leiden der Wanderer-Kaste und ihre Unterdrückung zu zeigen, die drauf folgende Rebellion ist dabei kein frustrierter Waffengang einer Ein-Mann Kampfmaschine, sondern viel mehr eine taktisch ausgefeilte Rebellion. Aufgrund der gemächlichen Erzählweise nimmt Jarry hier aber die Action wieder etwas weiter verrückt, es geht mehr ums Aufwachsen, Trainieren und Herumziehen als um seitenlange Schlachtgemälden. Wer also mit den ersten, kampflastigeren Bänden mehr Freude hatte, sollte das im Hinterkopf haben, bevor er zu „Oösram von den Wanderern“ greift.

Fazit:

Verpackt in eine wieder tadellose Zurschaustellung zwergischer Gesellschaft, Handwerks- und Kriegskunst, erzählen Nicolas Jarry, Pierre-Denis Goux und Jean Paul-Bordier ihren vierten Band der Zwergensaga für Genre-Fans. Und den damit vielleicht sogar Besten. Nicht weil sich an der Grundformel aus perfekt-atmosphärischen Zeichnungen und einer etwas zu textlastigen Erzählung viel geändert hätte, sondern weil die Kreativen sich mit Familie, Schutz und brodelnder Rebellion Themen gesucht haben, die zu diesem Stil verdammt gut zu passen wissen. Wer bis jetzt mit Freude dabei war, darf auch hier wieder ohne zu Zögern zugreifen.

zur Leseprobe

„Die Saga der Zwerge 4: Oösram von den Wanderern“ von Nicolas Jarry, Pierre-Denis Goux und Jean Paul-Bordier, erscheint bei Splitter im Hardcover, 56 Seiten, 14,80€

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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