Desktop Dungeons im Test

Monster meucheln und Dungeons erkunden ist die Essenz jedes Rollenspiels. „Desktop Dungeons“ ist ein Indie-Kleinod, dass sich auf genau diese zwei Grundfesten reduziert, all das Große darum ausblendet und gerade deswegen anders ist als die Konkurrenten.

Dungeon Dragons Screenshot StartKriechen, killen, krepieren

Bei „Desktop Dungeons“ handelt es sich um ein so genanntes „Rogue-Like“. Dieses Genre steht im Schatten des Urvaters der Dungeon-Crawler, „Rogue“, welches im Jahre 1980 in simpelster ASC-II Grafik das Leben eines Videospiel-Abenteurers imitierte. Das Ziel war es Kreaturen zu erledigen, im Level aufzusteigen und bessere Ausrüstungen zu ergattern um den immer härteren Gegnern, in den immer tieferen Gewölben Herr zu werden. Diesem Prinzip bleiben auch die Kapstädter von QCF-Design treu. Schon in dem Freeware-Vorgänger mit dem gleichen Namen, ähnlichem Inhalt aber simplerer Optik waren die Bausteine gelegt. Mit wenigen Klicks erstellt man einen Helden, bis auf Rasse und Klasse mit unterschiedlichen Boni, gibt es hier nicht viel zu erledigen und dann heißt es ab ins Dunkle. Der Dungeon besteht aus einer einzigen, bildschirmgroßen Karte, die zu Beginn nur einen nichtssagenden, schwarzen Fleck darstellt. Unser pimpfiger Level 1 Held ist das alleinige Licht im Dunkel und trägt selbiges per Klick in andere Höhlenareale. So erkunden wir Schritt für Schritt das düstere Nichts, stoßen auf Vampire, Medusen, Sphinxen …en, aber auch nette Anspielungen wie den Super Meat Boy. Jedes besiegte Monster lässt Gold und Erfahrung fallen, ersteres können wir in zufällig verteilten Shops gegen Heiltränke und Ausrüstung eintauschen, zweites lässt uns automatisch im Level aufsteigen. Auch hier bleibt „Desktop Dungeon“ simpel, Stufenaufstiege verschaffen uns automatisch mehr Leben und höheren Schaden, Attribute oder Fähigkeiten gibt es nicht zu verteilen. Für den Helden gilt der harte Alltag des Permadeath, wer kurz vor dem Dungeonboss ins Gras beißt, muss einen neuen Anlauf wagen, Speicherpunkte gibt es nicht. Gleichzeitig tragen wir von der gefundenen Beute kaum etwas nach oben, bis auf ein bisschen Gold und einige Gegenstände, die Ausrüstung über mehrere Karten hin zu verbessern fällt also auch ins Wasser – wo bitte liegt dann bei dieser ganzen Simplifizierung der Spielspaß?

Dungeon Dragons Screenshot 2Held stirbt Taktiktod

In „Desktop Dungeons“ gibt es keine klassischen Motivations-Trittmühlen bestehend aus neuer Ausrüstung oder Stufenaufstiegen, wird doch fast alles bei der Rückkehr aus dem Dungeon auf den Anfangswert zurückgesetzt. Der Dungeon-Crawler setzt stattdessen auf Antrieb durch Abwechslung und eine unglaublich taktische Tiefe für ein Spiel mit Knuddeloptik. DD lebt das Sprichwort „Der Weg ist das Ziel“, denn jedes neue Level ist ein neues Rätsel das geknackt werden muss. Dabei spielt schon die Klassen- und Rassenwahl eine riesige Rolle. Der Priester beispielsweise bekommt einen Angriffsbonus gegen Untote, während der Zauberer es natürlich schwierig gegen Monster mit hohem Magiewiderstand hat. Die Rassenauswahl sollte natürlich ebenfalls zur gewählten Berufung passen, denn die Herkunft bestimmt in welche Boni sich Gegenstände und Zauberrunen umwandeln lassen. Denn „Desktop Dungeons“ stellt uns innerhalb der Höhlen immer wieder vor mannigfaltige Möglichkeiten, wobei es keinen „richtigen“ Weg zum Obermotz gibt. Die zuvor genannten Runen beispielsweise bilden die Zaubersprüche innerhalb des Spiels ab, darunter Klassiker wie den Feuerball, Schadensbonus oder ein Teleportzauber, aber auch ungewöhnliches wie Platztausch oder Versteinerung.  Jede Rune kann für rassenabhängige Boni eingetauscht werden, wird dadurch aber dauerhaft zerstört. So opfert ein Gnom-Mönch gerne mal eine unnötige Rune für Erfahrungs-Boni während Ork-Krieger von einem prozentualen Schadensbonus profitieren. Was beim Lesen kompliziert klingt ist zu Beginn einladend einfach – der Zwergenkrieger verzichtet auf Zauber und setzt stattdessen auf Schaden, während man mit dem lebensarmen Magier sich gar nicht erst antatschen lässt und das Monster einfach außerhalb des Kampfes mit einem Feuerball verbrutztelt. So vorhersehbar bleibt es aber nicht und umso schwerer der Dungeon umso mehr Umdenken ist vom Spieler gefragt. Beispielsweise ist es zwischen den Kämpfen nur möglich durch Erkundungen Leben und Mana zurückzuerhalten, denn mit jedem aufgedeckten Feld gibt es ein paar blaue und rote Punkte zurück aufs Heldenkonto. Die andere Möglichkeit, möchte man sich die seltenen Heiltränke für den Bosskampf aufsparen, ist ein Stufenanstieg durch einen Sieg über ein Monster. So schließt „Desktop Dungeons“ den Bannkreis und öffnet damit ein Portal zu unendlichen Möglichkeiten, denn Entdeckungen in der Höhle aber auch die Monster selbst, sind gleichzeitig Hindernis und der Weg nach vorne. Wer schnell durch den Dungeon huscht mag schon zu Beginn viele Runen und Waffen aufstöbern, vermisst die Lebensregeneration aber in späteren Kampfpausen. Die Karte mag dann zwar offen vor einem liegen, auf ihr Verbergen sich aber nur noch hochstufige Monster, die nicht mehr zu knacken sind, da es an dunklen Ecken zum Erkunden fehlt. Und so landen wir bei der Heldenwahl schnell vom simplen Ork-Krieger beim Elfen-Geologen, der mit Runenhilfe Wände zerkloppt, durch diese Lebensregeneration gewinnt und auch gleich neue Areale freilegt – um nur mal eine der kruden Heldenmischungen zu nennen.

Dungeon Dragons ScreenshotStory und Langeweile = Beides Fehlanzeige

„DD“ präsentiert sich selbstbewusst bis ins Markt und möchte nie mehr sein als es ist. Somit verzichtet das Spiel auch weitgehend auf eine Story, ihr seid Flüchtlinge die ein neues Dorf gegründet haben in dessen Umfeld immer neue Monsterhöhlen sprießen. Dabei leistet sich das Spiel kleine Späße, die Begründung für neue Dungeons beispielsweise findet sich oft in einer amüsanten Erläuterung – so hätten eure Einwohner zwar fleißig den Sumpf trocken gelegt, genau damit aber erst den Zombies vom benachbarten Friedhof die sichere Überfahrt ins Dorf ermöglicht. Und auch der ortsansässige Bänker will erst in einer Höhle gefunden werden, damit sich die Schatztruhe per Upgrade vergrößern lässt. Passend, dass hinter dem Geldverleiher ein blutsaugender Vampir steckt, der den Held auf doppelte Art aussaugen möchte! Schade, dass der Titel hier blass bleibt, denn außer Textboxen präsentiert uns das Spiel nicht viel und auch der Sound dümpelt ziemlich harmlos vor sich hin. Das übergeordnete Art-Design mit seinem Comic-Look dagegen trifft den Nagel auf den Kopf, es ist märchenhaft und trotzdem dreckig und erinnert mich dadurch an das Cover eines Terry Pratchet-Buch. Die Dorfübersicht in der man die Zeit außerhalb der Höhlen verbringt macht daher auch optisch was her, hat es aber besonders inhaltlich in sich. Hier parkt das Spiel seine Konzepte um auch über mehr als nur den eigentlichen Dungeon hinweg zu motivieren. Neue Klassen und Rassen wollen erst durch die entsprechenden Gebäude freigeschaltet werden. Der Paladin beispielsweise steht erst nach einem teuren Ausbau der Kaserne für Streifzüge zur Verfügung und Gnome siedeln sich nur dann an, wenn Wohnbau, natürlich ebenfalls gegen Bares aus der Heldentasche, geschaffen wird. Außerdem hat man die Möglichkeit durch Shops und Tempel die Zufallsmechanismen bei der Kreation des nächsten Abenteuerlochs etwas zum eigenen Gunsten zu biegen. So kann man das verdiente Gold beispielsweise für eine höhere Wahrscheinlichkeit an Zauberrunen aber auch bestimmte Item-Shops investieren. Außerdem verstecken sich im Dorf Quests und Challenges, die ebenfalls bare Münze wert sind. So besteht eine Aufgabe beispielsweise darin einen Dungeon, der vor magieresistenten Kreaturen nur so überquillt, mit allen Magier- und Zaubererklassen durchzuspielen. Die Challenges dagegen sind eigens auf die Klasse abgestimmte Level bzw. Labyrinthe, die dem Spieler eine vorgefertigte Kopfnuss vor die Füße werfen, die es zu knacken gilt. Hier lernt man noch einmal viel über die Möglichkeiten der verschiedenen Heldenkombinationen, mehrere Anläufe sind aber meist Pflicht bis man den Trick raus und das Level geknackt hat. Sowieso: „Desktop Dungeons“ ist ein ewiges Versuchen und Scheitern, wer daran nichts finden kann ist hier sicherlich fehl am Platze. Wie beim ganz großen Bruder „Demon Souls“ gehört Sterben und daraus lernen dazu und der Weg zum besiegten Höhlen-Boss ist gepflastert mit Fehlversuchen, toten Helden und vielen Spielstunden. Gut also, dass der Weg dahin und nicht der besiegte Dungeon-Boss selbst, die größte Motivation ist. Außerdem fallen die Höhlenbesuche mit knapp zehn Minuten angenehm kurz aus, was den Heldentod für den Pixelgnom zwar zum tödlichen Stoß in die Rippen macht, dem Spieler aber nicht zu sehr schmerzt.

Fazit:

„Ich mag Zahlen, du auch?“ ist kein guter Anmach-Spruch, aber eine Mundpropaganda, die „Desktop Dungeons“ gerecht wird. Das Feilen an der passenden Heldenkombi und das Kalkulieren von Schaden und verlorenem Leben im Dungeon macht auf seine ganz eigene Weise Spaß und lässt die spröde Hülle des Indie-Titels schnell in den Hintergrund treten. Denn wenn ich mit meiner Vergiften-Rune ein Monster durch langsames Ausbluten zur Strecke bringe, obwohl es viele Schadenslevel über mir thront, dann fühlt sich nicht nur mein Ninja-Kobold wie ein ganz Großer.

„Desktop Dungeons“ ist erhältlich bei Steam oder unter http://www.desktopdungeons.net Oder auch in der abgespeckten Alpha-Version anzutesten unter http://www.desktopdungeons.net/media/

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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