Der Waffenmeister

Eine offene Rechnung, die Zukunft des Abendlandes und eine gnadenlose Hetzjagd durch verschneite Berge: Der Doppelband „Der Waffenmeister“ nimmt seinen Leser mit in die Zeit des Spät-Mittelalters, um eine Mär von gefallenen Helden und den neuen(besseren?) Zeiten zu erzählen.

„The Times they are a changing“

waffenmeister-bild-fuer-beitrag-1Der Titel von Bob Dylans Folkrock-Ballade dürfte für Waffenmeister Hans Stahlhoffer sicher doppelt gelten, fühlt der schroffe Ausbilder doch nicht nur die Altersmüdigkeit, sondern auch neue Zeiten auf sich und den französischen Königshof zurollen. Denn als Trainer für König und Co. ist er nicht nur für ein vorzeigbares Schwertgefuchtel seines Herrschers verantwortlich, sondern gibt indirekt auch die „Waffenmode“ für den restlichen Adel Frankreichs vor. Denn was bei Kleider- und Kulturgeschmack gilt, zählt auch für die Wahl der angemessenen Waffe: Was der König schwingt, das schwingt auch das Volk. Und während Stahlhoffer auf das altbewährte, „eiserne Schwert“ setzt, muss er sich immer wieder den Duell-Herausforderungen der kommenden Generation erwehren, der letzte Gegner in diesem Zuge ist der arrogante Spanier Maleztraza. Viele Jahre später hat sich Stahlhoffer endgültig, wenn auch unzufrieden und vergessen, zurückgezogen, als ein alter Bekannter auf seiner Schwelle auftaucht. Dieser erbittet Hilfe und Geleit um ein wichtiges Dokument über die Alpen in die Schweiz zu schmuggeln, gejagt von Häschern des Königs, darunter auch Maleztraza. Und ehe er sich versieht findet sich Stahlhoffer bei eisigsten Temperaturen in den Alpen wieder, mit nur wenigen Mittel und von allen gejagt für einen Zweck der ihm eigentlich egaler nicht sein könnte …

Xavier Dorison – Hansdampf oder Meister aller Gassen?

Nach der Agentenklamotte „Red Skin“, dem fantastisch angehauchten „Ulysses“ und dem Western „Undertaker“ jetzt also mal wieder Mittelalter? Autor Dorison scheint sich bei der Wahl des Genres nicht festlegen zu wollen und dabei bis jetzt auch überall eine zumindest gute Figur zu machen. Mit „Der Waffenmeister“ dürfte Dorison seine Vita aber nochmal gehörig Richtung „Können“ statt „dilettieren“ schubsen, denn: Die Geschichte um Hans Stahlhoffers Überlebenskampf macht so viel richtig und ist in ihrem Abschluss so rund, dass ich gerne von seinem bisher besten Comic rede, den ich gelesen habe. Der Plot braucht keinerlei fantastische Streckungen wie ein „Ulysses“ um Spannung zu erzeugen, sondern erzählt einen knallharten und blutigen Überlebenskampf rund um Themen wie Fortschritt, fanatischer Glaube und „die richtige Sache“. In seiner amoralischen Art und seiner Indifferenz gegenüber des größeren Weltgeschehens, erinnert Stahlhoffer in den besten Zügen an einen Geralt von Riva aus Sapkowskis grandioser Witcher-Reihe. Er ist mehr als nur knurriger Haudrauf, hat Werte und Vorstellungen, wenn auch begraben unter Dekaden von Enttäuschung, Arroganz und Trunksucht. Auch sämtliche Nebenfiguren, ob sein alter Weggefährte und Leibarzt Gauvin, dessen junger Schützling Casper oder der Gegenspieler Maleztraza kommen angenehm vielschichtig, wenn auch natürlich etwas kürzer weg. Insgesamt verleiht diese Ausdefinition bei den Figuren der ereignisreichen Hatz den nötigen und absolut willkommenen Unterbau, der „Waffenmeister“ zu mehr werden lässt als nur einem blutigen Schlagabtausch in tollen Bildern. Was aber wahrscheinlich auch schon gereicht hätte.

Stechende Präsentation

Denn das gejagte Grüppchen um Stahlhoffer und Co. hangelt sich bei der Alpenreise nicht nur von Abhang zu Abhang, sondern auch vonwaffenmeister-cover einem abwechslungsreichen Schauplatz zum Nächsten. Dabei ist nicht nur die Bergwelt kalt und lebensfeindlich, auch all ihre Bewohner und die, die sie durchstreunen, scheinen es auf jeden Vorteil und jedes Zeichen von Schwäche abgesehen zu haben. Das gerade Stahlhoffer sich aber immer zu wehren weiß wird von Zeichner Joel Parnotte in blutige Bilder gepackt, die jedoch nie ins exploitative abdriften – Tod und (fanatische) Gewalt scheinen allgegenwärtig und unausweichlich, dienen aber nie nur dem Selbstzweck und können in ihrer Funktion damit aber immer treffen und überzeugen. Dazu kommt ein gelungenes Charakter-Design, dass auch kleinere Figuren wie eine Bande Bergräuber gut unterscheidbar hält, sodass man deren Einfluss auf die Handlung problemlos weiterverfolgen kann. Insgesamt lässt sich also auch bei den Zeichnungen nichts aussetzen, Parnotte macht einen super Job und gibt der damit schon gut durchdachten Geschichte, ein klares Gewand, dass auch nur beim bloßen Durchblättern alle Szenen in ihrem jeweiligen Zeitpunkt verankert – keine Selbstverständlichkeit in einer Handlung um Berge und Schnee, die gerne mal in einem tristen und austauschbaren Brei enden könnte.

Fazit:

Mit „Der Waffenmeister“ ist Dorison nicht nur mal ebenso einer der besten (Splitter)-Comics des bisherigen Jahres gelungen, der Autor rutscht auch einen weiteren Platz nach oben auf meiner „Beobachten-Liste“. Denn verpackt in die tadellosen Zeichnungen Parnottes ist die Hetzjagd rund um Religion, Rache und Fortschritt ein perfekter Doppelband für Fans von „The Witcher“ und anderen Helden, die sich eher in grauen Zwischentönen als strahlend, hellem Licht bewegen. Hans Stahlhoffers Geschichte ist zu keinem Punkt langweilig, die Charakterisierung aller Figuren immer treffend und der Abschluss bis ins letzte Panel hinein absolut rund. Damit gehört „Der Waffenmeister“ in das Comic-Regal jedes Lesers, der sich von Cover, Klappentext und dieser Rezension, auch nur irgendwie angesprochen fühlt. Zugreifen!

zur Leseprobe

„Der Waffenmeister“, geschrieben von Xavier Dorison, gezeichnet von Joel Parnotte, erscheint bei Splitter im Album-Hardcover, 96 Seiten, 19,80€.

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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