Der überragende Iron Man

Tony Stark als arroganter, selbstverliebter Mistkerl – was gibt’s sonst Neues? Denn ein übercharismatischer Mistkerl war Mr. Iron Man ja eigentlich schon immer, in „Der überragende Iron Man“ scheint der Egoist aber absolut seine Grenzen auszuloten.

Die Stadt bin ich!

„San Fran, Baby!“ – das scheint das lebensbejahende Motto aller Einwohner zu sein, denn Tony Stark ist dabei die Stadt mithilfe seiner Extremis-App in ein Utopia der Schönen und Prominenten zu verwandeln. Ursprünglich als neuste Version für seine Kampfanzüge entwickelt lässt Extremis nun auch jeden Otto-Normalbürger auf Knopfdruck zum potenten Sixpack-Träger mutieren und Stark lässt sich in seinem Narzissmus natürlich nur zu gerne von der jubelnden Meute feiern. Allerdings reichen die Pläne Tonys viel weiter als die Meisten erahnen können und selbst langjährige Weggefährten wie Pepper Potts oder Matt „Daredevil“ Murdock werden langsam stutzig was das Vorhaben des Eisenmannes angeht. Denn dessen Ambitionen, die er von seinem Penthouse auf Alcatraz aus anvisiert, übersteigern wohl die jedes Philanthropen und haben dank eines stadtweiten Überwachungssystem und einem Großeinkauf im Mediensektor mehr den Anschein eines aufstrebenden Alleinherrschers. Und dann macht auch noch der gammagrüne Teenager „Teen Abomination“ mit Hulk-gleichen Kräften das Sonnenjuwel der Westküste unsicher.

Fette Comic-Sause zu Beginn

Die in diesem dicken Band abgeschlossene Handlung führt dabei hauptsächlich eine Idee aus dem Axis-Crossover fort; in dieser Storyline verstärkte ein Zauber die emotionalen Tendenzen einiger Helden, das grundsätzlich schon riesige Ego Starks wurde so zum Bersten groß aufgeblasen. Tony ist hier nicht nur mehr Frauenschwarm und Genie, das den Boden unter den Füßen verloren hat, sondern geht klar in die Richtung des Bösewichts für den Verlauf der Geschichte. Das macht gerade zu Beginn eine Menge Spaß, besonders in seiner direkten Auseinandersetzung mit alten Freunden. Mit all den Intrigen die Tony zu fahren beginnt hat Pepper wohl die schlimmste Arbeitswoche ihres Lebens und Matt Murdock muss aus erster Hand erfahren, zu welchen „Geschenken“ ein fast schon diabolischer Stark in der Lage ist. Der Auftritt der Figur Teen Abomination sorgt dabei immer wieder dafür, dass es zwischen all den Sprüchen Tonys auch mal kracht. Zeichner Yildiray Cinar arbeitet dabei die Unterschiede zwischen Starks vielen Rüstungen der vergangenen Comic-Jahrzehnte heraus. Diese spielen besonders in der zweiten Hälfte, mehr zu verraten wäre schon spoilern, die Hauptrolle. Dabei gefällt vor allem der Kontrast zwischen Tonys symbiotischer Silber-Anzug und seinen klobigen Rüstungen in Rot-Gelb von damals.


Nicht alles rot-goldener Chrome das glänzt?

Autor Tom Taylor dürfte dabei nicht die schlechteste Wahl für den schurkischen, überragenden Eisenmann sein, denn Taylor durfte bereits für die Konkurrenz von DC eifrig böse Superhelden skripten. In seiner „Injustice“-Reihe überzog ein verrückt gewordener Superman die Welt und ihre Helden mit Krieg und Misere und die Serie konnte mit dieser Tagline so manchen Leser für sich gewinnen. Allerdings erbt Taylors böser Marvel-Bruder gnadenlos die Schwächen eines „Injustice“, denn die Grundidee klingt dabei interessanter als sie in der letztendlichen Ausführung ist. Dafür fehlt Taylor etwas das Fingerspitzen- und Taktgefühl, er setzt lieber auf große Twists und Aha-Momente anstatt einen Figurenwandel in fein spürbaren Details sichtbar zu machen. Getrieben von einem selbst auferlegten, hohem Erzähltempo führt das zu übereilten Umschwüngen („Injustice“-Leser erinnern sich daran, wie Hal Jordan sich scheinbar aus dem Nichts Erzfeind Sinestro anschloss?) in der Geschichte. Zusätzlich zerrt Taylor gerne mal an den Ketten der Glaubwürdigkeit und das selbst für das Innere eines Comic-Universums. Denn man verliert schnell das Gefühl hier ein tatsächliches San Francisco „nur eben mit Iron Man“ zu sehen, wenn Stark mit wenigen Handstrichen Alcatraz kauft, um es in eine Partybude zu verwandeln, Medienmogule Bond-Schurken gleich um ihre milliardenschweren Unternehmen bringt oder die komplette Stadt mit Spionage-Drohnen überzieht, die bei jedem datenschutzsensiblen Einwohner den sofortigen Herzkasper auslösen müssten. Taylors Welt in diesem Band will einfach und doch gleichzeitig am Puls der Zeit sein, die App-abhängigen Opfer der Moderne sollen durch Gleichschaltung der Medien in ihrem Status gehalten werden, all das reicht aber nie, um das Bild einer glaubwürdigen Welt zu erwecken. So wirkt „Der überragende Iron Man“ doch schon sehr aus der Zeit gefallen, ein Green Arrow kämpfte mal mit ähnlichen Problemen und Taylor scheint als Autor dann doch nicht versiert genug, um diese Widersprüche tatsächlich gelungen aufzulösen.

Fazit:

„Der überragende Iron Man“ lässt sich am besten jenen Lesern empfehlen, die auch schon mit Taylors „Injustice“ großen Spaß hatten. Die Twists und bekannte Charaktere mit unbekannten Verhaltensweisen für sich genießen können und wollen ohne an der größeren Glaubwürdigkeit interessiert zu sein. Denn über eine gute erste Hälfte ist der Band mit seinem egomanischen Tony Stark durchaus spaßig. Wenn all das aber im Nachhinein erklärt und mit Bedeutung aufgeladen werden soll, geht der Comic thematisch etwas auf Irrfahrt. Damit ist Tonys Ausflug in die egoistischsten Höhen vielleicht keine glaubwürdige Charakterstudie geworden, aber sicher trotzdem ein guter Comic für den Sonntag-Nachmittag. Und wer für seinen Trip in das schurkische Superheldentum auf Iron Man verzichten kann, sollte sich unbedingt mal Dan Slotts „Superior Spider-Man“ anschauen, der diese Versprechen super zu erfüllen weiß.

„Der überragende Iron Man“ erscheint bei Panini im Softcover, 212 Seiten, 19,99€. Von Tom Taylor und Yildiray Cinar.
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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