Der Stern der Wüste 2

Der erste Band wusste mit einer tollen Italo-Optik zu verführen und gleichzeitig mit einer simpel-unreifen Weltsicht zu verschrecken, abseits davon blieb das Mysterium aber vorerst ungelöst – Was ist „Der Stern der Wüste“? Der abschließende zweite Band dürfte also nicht nur dieses Geheimnis lüften sondern auch zeigen, ob er das Ruder nochmal rumreißen, den zweifelhaften Ersteindruck nochmal aufpolieren kann.

Kampf um die Moderne
Der Stern der Wüste 2 - Bild für Beitrag 2
Nach den Ereignissen des ersten Teils hat Matt Montgomery also den schauderhaften Jason Cauldray ausfindig gemacht, in einer kleinen Barackenansammlung am Rande der Zivilisation, für die das Wort „Städtchen“ sicher schon zu viel wäre. Denn zwischen den Zivilisation- und Fortschrittbringenden Gleisarbeitern tummeln sich betrunkene Banditen, gewalttätige Zuhälter und versklavte Prostituierte – und damit auch eine ganze Menge Material Mensch zwischen Montgomery und seiner Rache, findet er sich doch alleine dieser Übermacht an Cauldrays Schergen gegenüber wieder. Dabei muss Montgomery nicht nur einen Weg aus dieser Unterlegenheit finden, seine Hoffnungen ruhen dabei auf der Indianerin Wakita, sondern sich auch Taten seiner eigenen Vergangenheit stellen. Und dem Gedanken, dass diese ihn vielleicht sogar zum Mittäter am Mord und Schändung seiner Familie werden ließen.

Gutes lässt sich doch schnell abhandeln

Wie schon im Vorgängerband gibt es an den exzellenten Zeichnungen kaum etwas auszusetzen, was gekonnte Western-Atmosphäre angeht spielt Enrico Marinis Pinselstrich weiter ganz oben mit, gepaart mit den immer noch hoch-stimmungsvollen Farben. Was zum ersten Band gesagt wurde, gilt weiterhin, die Wahl bei den Perspektiven bleibt interessant, dazu halten weitere Schauplatzwechsel das Geschehen ebenfalls frisch. Wo es im Vorgänger auch mal ums wilde Schneetreiben ging, verschlägt es das Geschehen hier zur Jagd in den dichten Wald oder zum Showdown in die Wüste bei beißender Mittagshitze. Beim Figurendesign tritt nun natürlich auch Cauldray mehr in den Mittelpunkt. „Witcher“-Spieler dürfen sich hier einen (noch) unterkühlteren Geralt von Riva mit Cowboy-Hut als Schurken vorstellen – was als absolutes Lob zu verstehen ist, denn Cauldray macht neugierig, bleibt mysteriös und absolut bedrohlich.

Ein Schurke, zu gut für seinen eigenen Comic?

Stern der Wüste 2 - Bild für BeitragDas liegt auch daran, dass Cauldray mit einer interessanten Vergangenheit ausgestattet, eine ebenso frische Motivation ins Buch bringt. Wenn wir uns an „Spiel mir das Lied vom Tod“ erinnern, wo Eisenbahn, Geld und Fortschritt, auch Kriminelle und das Recht des Stärkeren mit in die Prärie brachten, so ist Cauldray ein toller Gegenentwurf. Er ist nicht die ausführende Hand eines Zug-Magnats, der sich Einfluss und Eigentum dort mit Gewalt verschaffen will, wo es ihm nur mit Geld nicht gelingt, sondern ein naturverbundener Grenzgänger, der gerade in Fortschritt und Zivilisation das Gift für unberührte Natur und Wildnis sieht. Diese Weltanschauung zeigt sich spürbar im herablassenden Umgang mit seinen geldgierigen Handlangern aber auch insgesamt in dem starken Griff mit dem er das Städtchen Topeka umklammert hält – um es vor dem schändlichen Einfluss der Ostküste zu beschützen aber gleichzeitig auch, vielleicht unbewusst, zu erdrücken und ersticken. Damit ist Cauldray ein sehr guter Antagonist, der in seinen Panels mehr Interesse für die Handlung aufbauen kann, als die eigentliche Hauptfigur. Und auch nach dem Lüften einiger Geheimnisse, verliert die Figur kaum an Zugkraft, was man über die meisten Schurken nicht sagen kann, bei denen weniger gerne mal mehr sein dürfte. Hut ab also an dieser Stelle.

Besser ja, aber deshalb gut?

Auch für die letztendliche Auflösung um die Frage des „Sterns“ vergebe ich gerne Pluspunkte, weil sie sowohl genre-gerecht ausfällt als auch den Ton insgesamt weiter zu unterstreichen weiß. Hier soll nichts verraten werden, aber wer rein für die Auflösung nach dem ersten Band weiterlesen will, sollte nicht enttäuscht werden und auch der Konflikt um Montgomery und Cauldray selbst wird gelungen zu Ende geführt. Allerdings und hier kommt das große Aber, das macht „Stern der Wüste“ für mich immer noch zu keinem besseren Gesamtwerk. Wer schon meine großen Kritikpunkte zum Vorgänger ignorierte oder trotz dieser Spaß hatte, darf gerne direkt zum Ende springen und Der Stern der Wüste 2 - Cover„Kaufen“ drücken. Für mich allerdings ist eher das eingetreten was ich schon erwartet hatte: wenn sich in der ersten Halbzeit bereits alle Starspieler verletzt haben, wird die Zweite kein Zuckerschlecken. Es ist auch schwer den Finger in die richtige Wunde zu legen, zu argumentieren warum ein guter Bösewicht, ein rundes Ende und eine tolle Optik, immer noch nicht zu einem positiveren Gesamteindruck führen können. Aber ich denke die Krux liegt letztendlich bei Protagonist Montgomery und dem weiterhin bestehendem Gefühl, dass Autor Desberg die dreckigen Western nur zu Teilen verstanden hat. Montgomery hat mit den „großen“ Anti-Helden des Genres nur oberflächliche Gemeinsamkeiten, gleichzeitig ist die Perspektivierung wohl eher contra-produktiv: Wo die Rächerfiguren Clint Eastwoods und Franco Neros Tabak kauend wortkarg bleiben, bekommen wir hier volle Einblicke in Gedanken und Innenleben Montgomerys – und was dieser von sich gibt ist weder heldenhaft noch abschreckend-faszinierend, sondern fällt simpel in die Kategorie „Warum will ich dem Geschwafel dieses Kotzbrockens lauschen?“ Zu diesem Gesamtbild, dass Desberg selbst nicht ganz wusste wohin er wollte, passt auch das völlig überhastete Happy End – einerseits widerspricht es dem restlichen Ton der gewollt „harten“ Geschichte, andererseits, selbst das außer Acht gelassen, fehlt wenn man diese Erwartungen unterlaufen will, dass nötige Futter. 99 Seiten lang in Nihilismus und Selbstmitleid zu schwelgen um dann auf Seite 100 das Happy End (mit der Frau, trotz der Abwesenheit irgendwelcher Gemeinsamkeiten oder Chemie, als „Belohnung“) auszupacken, verhöhnt den Grundton der eigenen Erzählung. Zumindest wenn man es eben wie hier übereilt und erzwingt. So bestätigen die gute Auflösung und der tolle Bösewicht das Gefühl, dass Desberg beim „Stern der Wüste“ in vielen Punkte genau wusste was er tut, während er sich beim entscheidenden Faktor der Hauptfigur, einfach nicht zwischen heroischem Vigilanten und düsterem Anti-Helden entscheiden konnte.

„Der Stern der Wüste Band 2“ geschrieben von Stéphen Desberg, gezeichnet von Enrico Marini, erscheint bei Panini Comics im Hardcover, 68 Seiten, 14,99€
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

Share This Post On

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*