Der Stern der Wüste 1

Ein Spätwestern im mehrfachen Sinne, ist „Der Stern der Wüste“ doch bereits vor zwei Jahrzehnten erstmals erschienen. Panini Comics liefert Westernfreunden die Rachegeschichte des italienischen Zeichners Enrico Marini nun als Neuauflage in zwei Bänden.

Im Zeichen der Sonne

Das Jahr 1870, Washington. Matt Montgomery, Regierungsbeamter, frönt ein Leben, gefangen in den Tücken des Alltags. Tücken heißt, er hat sich von seiner Frau sowie seiner Tochter Hellen auseinander gelebt, die Arbeit ermöglicht ein gutes Leben aber wenig Herausforderungen, Würze in sein Leben bringt lediglich eine herzlose Affäre mit seiner Sekretärin. All dies ändert sich schlagartig, als der Beamte eines Abends bei seiner Rückkehr nach Hause eine Menschenmenge vor seinem Haus – und seine Familie Tod im Anwesen vorfindet. Sowohl Frau als auch Tochter vergewaltigt und ermordet, Letztere mit einer stern-artigen Zeichnung in die Haut geritzt. Auf die Verzweiflung folgt schnell der Wille die Mörder ausfindig zu machen, denn nach einem zufälligen Überfall sieht das für Montgomery nicht aus. So reist er von der zivilisierten Ostküste in den noch wilden Westen, um das Motiv hinter diesen Morden ausfindig zu machen und herauszufinden, was es mit diesem Stern auf sich hat …

Atmosphärischer Italowestern im feinsten Staubmantel …

Stern der Wüste 1 - CoverDer italienische Comic-Künstler, am Meisten bekannt wohl für seine Serien „Le Scorpion“, „Gipsys“ und „Rome“ feiert hier ein absolutes Heimspiel. Denn „Der Stern der Wüste“ präsentiert sich nicht nur als Spät- sondern auch absoluter Italo-Western. Das heißt: Weg mit einem strahlenden John „Cowboy“ Wayne, weg mit einer Idee des gerechten Kampfes, her mit amoralischen Figuren und düsteren Enden. Dieser generelle Abgesang aufs Genre bildet Leitmotiv und Hauptaugenmerk für Marinis Zeichnungen. (Licht)Stimmung ist Trumpf, Hintergründe bleiben gerne mal detailarm, werden dafür aber farbintensiv gestaltet. Wenn Montgomery nach einem Streit mit seiner Frau das Heim in ein weißes Schneetreiben verlässt, bekommen wir eine kühle Optik als Spiegel. Dramatisches wird rot hervorgehoben und generell herrscht ein brauner Sandton, der Bild für Bild „Western“ schreit. Die teils riesigen Panels lassen die wenigen Texte oft noch weiter verschwinden und zwingen zu einem Fokus auf die Darstellung. Weiter verfeinert wird das filmreife Feeling durch eine gelungene Wahl an Perspektiven, immer wieder sehen wir das Geschehen aus unterwürfigen Blickwinkeln – wenn Matt zum späteren Zeitpunkt eine bewachte Saloon-Treppe zum zu überwindenden Hindernis auserwählt, kommen diese Entscheidungen in Sachen Perspektive besonders gut zum Tragen. Dazu gibt’s mit Hauptfigur Montgomery einen cool gestalteten Protagonisten, der nicht von ungefähr an einen gealterten Sean Connery erinnert. Das bringt der Figur ordentlich Eleganz und gelungene Hauptfigurqualitäten. Insgesamt wildert Panini Comics mit dieser Veröffentlichung erfolgreich im Portfolio der Konkurrenz, vom Ton der Serie, über die hochwertige Aufmachung bis hin zum Albenformat, könnte man „Stern der Wüste“ glatt für eine typische Splitter-Veröffentlichung halten.

… aber mit fragwürdigem Inhalt

Manch einer kann sich denken was jetzt kommt, die Inhaltsangabe gibt ja bereits einige Hinweise darauf und auch das Ersterscheinungsdatum ist hier sicher mit einzurechnen, schließlich ist Stephen Desbergs Geschichte schon fast zwanzig Jahre alt. Es wird sicher Leser geben, die sich null an dem Trope/Storyvehikel stören, wahrscheinlich gehöre ich sogar der Minderheit an; all dies kann „Stern der Wüste“ altertümlichen Umgang mit dem Thema allerdings nicht verschleiern und mein Lesevergnügen ganz sicher nicht heben. Ich spreche natürlich von der Vergewaltigung und Ermordung von Montgomerys Familie, das allzu bekannte Motiv ein Verbrechen dieser Art als Katalysator für den Rachewunsch der Hauptfigur zu etablieren. Um meinenStern der Wüste 1 - Bild für Beitrag Standpunkt klar zu machen, ich bin niemand der sagt, dass eine generelle Darstellung des Themas in Unterhaltungsliteratur falsch ist. Im Gegenteil, das richtige Fingerspitzengefühl und ein angemessenes Maß an Respekt, können zu einer aussagekräftigen Idee über sexuelle Gewalt und ihre Folgen werden. Das Problem ist also nicht, dass sich Desberg bei seiner Geschichte dieses Topos überhaupt bedient, sondern, dass er es auf die zu recht immer wieder kritisierte und plumpste Art und Weise tut. Und damit nicht nur der Bearbeitung des Themas keinen Gefallen tut, was noch zweitrangig wäre, sondern auch noch seiner eigenen Geschichte schadet. Wir sollen Matt Montgomery als einen gelangweilten Durchschnittsbeamten sehen, der ein okayer Typ, wenn auch ohne weiße Weste, ist. Und durch die Grausamkeit die seiner Familie angetan wird, verwandelt er sich zum zynischen Vigilanten, der die Gerechtigkeit selbst zu finden sucht. Das erste Problem mit diesem Umgang ist so alt wie bekannt, schließlich wurde selbst im Superheldenmainstream in den „alten Tagen“ über Dekaden sexuelle Gewalt am Love-Interest wie eine Wegwerf-Motivation für den strahlenden Helden behandelt und sämtliche Langzeitfolgen einfach ignoriert. Während sich das Rad inzwischen also Gott sei Dank etwas weiter gedreht hat, ist „Stern der Wüste“ absolut ein Kind seiner Zeit und damit mächtig veraltet. Aber diesen Punkt, der sich mehr mit einer historischen Betrachtungsweise des Medium Comic auseinandersetzt, ausgelassen, der Umgang Desbergs mit der ermoderten und vergewaltigten Familie seines Protagonisten wirft ein schlechtes Licht auf die gesamte restliche Geschichte. Matt Montgomery ist von Beginn an kein Charakter den der Leser sonderlich mag, warum auch, er geht fremd und lässt seine familiären Verantwortungen völlig im Stich. Das wäre nicht sonderlich schlimm, wie viele gute Geschichten wurden schon nicht trotz sondern gerade wegen einer unsympathischen Hauptfigur erzählt. Das Problem ist, dass Montgomery einen grausamen Schicksalsschlag später, sich kein Stück zu bessern weiß – etwas Traumatisches wie das völlige Zerstören der eigenen Familie wird (wie so oft und falsch) zu einem simplen „Man hat mir etwas weggenommen, dafür werde ich mich rächen“ degradiert, statt mit der nötigen Schwere behandelt. Desberg zeigt von da an immer wieder, dass er mit den Implikationen dieses Themas nicht umzugehen weiß, wenn Montgomery später im Saloon sitzend Trübsal bläst und darüber sinniert, dass er seine Sekretärin vermisst, muss man als Leser auch denken „Jo, so schlimm scheints ja nicht gewesen zu sein, dass Frau und Kind vergewaltigt wurden“. Diese Unreife ist der Genickbruch für die Geschichte, abseits davon hätte man kritisieren können, dass sie nicht mal allzu frisch ist, denn Montgomerys zynisch weltverachtender Dialog auf seinem Weg gen Rache, haben wir so schon hundert Mal gesehen, gehört, gelesen. Dagegen hält, dass die simple Fragen nach dem „Warum“, die zum Ende vom ersten Band immer noch offen steht, als Motivation zum Dranbleiben funktioniert – man will durchaus wissen wie es weiter geht oder wo genau der indianische Ursprung des Stern-Symbols liegt. Den gleichen Western-Krimi hätte man aber auch erzählen können ohne sich auf der anderen Seite völlig zu blamieren.

Fazit:

Die Neuauflage von „Der Stern der Wüste“ lädt Marini-Fans zum Zugreifen ein; die großen Panels des Italieners profitieren riesig von dem Albumformat und auch für alle anderen: Generell ist der Comic ein verdammt anschauliches Stück Spaghetti-Western. Anschaulich allerdings was die Zeichnungen angeht, jedoch nicht den eigentlichen Inhalt. Denn Autor Stephen Desberg ergeht sich in völlig überholten Erzähltraditionen was ein so schwerwiegendes Thema wie Vergewaltigung und Mord angeht und schadet damit nicht nur dem Thema, was noch geschenkt sein könnte, sondern vor allem der kompletten weiteren Handlung. Montgomery wird damit zur völlig unnachvollziehbaren „Comic“-Figur, im schlechtesten Sinne des Begriffs, auch wenn sich nicht abstreiten lässt das die zu Grunde liegende Krimi-Frage der Geschichte für den Abschlussband Interesse zu wecken weiß. Für wen es nicht Marini sein muss, der findet bei dem breiten Veröffentlichungsgrad in diesem Genre sicher besseres – „Mann, der keine Feuerwaffen mochte“ hat eine leichtere Stimmung und viel interessantere Figuren, wer auf eine Rachegeschichte nicht verzichten will, greift zum „Undertaker“ und bekommt mehr Action gleich dazu. Und selbst Western mit einem hohen Gewaltgrad und zynischer Weltanschauung gibt es mit Hickmanns „East of West“ im besseren, wenn auch Sci-Figem Gewand.

„Der Stern der Wüste 1“ erscheint bei Panini Comics im Hardcover für 14,99€, 60 Seiten. Geschrieben von Stephen Desberg, gezeichnet von Enrico Marini
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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