Der Mann mit der Maske 1: Anomalien

Richtig geraten: „Der Mann mit der Maske“ entführt uns nach Frankreich. Allerdings ganz sicher nicht in die Zeit der Mäntel & Degen.

Paris je t’aime

Die Pariser Metropole in der nahen Zukunft – neben gigantischen Gebäudekomplexen und fliegenden Autos haben auch einige weniger offensichtliche Zukunftselemente in das Herz Frankreichs Einzug gehalten. So zum Beispiel das übergroße Hologramm eines Piratensenders, welches mitten über der Stadt schwebt und einmal täglich seine ganz eigene Form der Nachrichten ins Netz der Metropole spielt, ohne dass jemand weiß wer genau dahintersteckt. Oder die „Anomalien“ – unerklärliche Geschehnisse bei denen maschinelle Erzeugnisse wie aus dem Nichts an Hausfassaden und Straßenzügen erscheinen. Als Ex-Soldat Sergeant Frank Braffort nach sechs Jahren und einer Kriegsverletzung in seine alte Heimat zurückkommt ist all dies mehr kurios als besorgniserregend – bis eine der Anomalien, in Form eines Cyborgs, einen Anschlag auf den Präfekten der Stadt zu verüben versucht. Braffort wird in die Ermittlungen hineingezogen, dabei scheinen all diese Vorkommnisse in der Stadt irgendwie zusammen zu gehören. Doch spielt vielleicht sogar Brafforts eigene Vergangenheit mit rein, schließlich verlief sein letzter Kriegseinsatz auch unter mysteriösen und ungeklärten Umständen, die ihn nicht loszulassen scheinen.


Weltenbau mit Popkultur-Lego

Die Pariser Zukunft besteht dabei aus fast unzähligen Einflüssen, Freunde der Science-Ficition, ob in Kino- oder Videospielform, dürften sich an etlichen Stellen an den ein- oder anderen Genre-Vertreter erinnern. Zum Leben erwachende Maschinen ala „Animatrix“, eine Faszination für das spiralförmige wie in Junji Itos „Uzumaki“, die Großstadt der Zukunft wie in „Ghost in the Shell“ oder eine Prise Cyberpunk ala „Deus Ex“. Und dazu sogar noch … fliegende Männer im Cape? Über Letzteres kann man sich dabei (noch) nicht im Klaren sein, denn „Der Mann mit der Maske“ nimmt sich in diesem Band ordentlich Zeit, um den Leser in seine Welt einzuführen. Und die meisten Geheimnisse werden dabei erst einmal nicht gelüftet. Stattdessen fühlt sich der Comic an wie ein Städtekurztrip: an der Seite von Hauptfigur Frank gibt es Seite um Seite Neues zu entdecken, dieses Paris ist ihm genauso unbekannt wie uns. Dieser gemächliche Trip weiß trotz Schritttempo zu gefallen, denn an jeder Ecke gibt es eine andere Facette von Paris zu entdecken, stellenweise rückt der Plot sogar völlig in den Hintergrund. Umso wichtiger also, dass Zeichner Stéphan Créty, Inker Julien Hugonnard-Bert und Kolorist Gaétan Georges bei Architektur und Stadtbildern in den Panoramaaufnahmen punkten können. Große Panels oder Splashs werden zu stimmungsvollen Einschüben, die das Auge zum Verweilen einladen. Auch die gelungene Darstellung zu unterschiedlichen Witterungsbedingungen oder Tageszeiten hilft weiter dazu Paris zum heimlichen Hauptdarsteller des Bandes zu machen.

Und die Figuren?

Als Stimmungsstück, das sich für seinen Einstieg auch noch ordentlich Zeit nimmt, wäre es zu kurz gegriffen „Der Mann mit der Maske“ simpel als „Außen Top, innen Flop“ abzuhaken. Ja, über weite Strecken des ersten Bands geben die Hauptfiguren, besonders der stoische Soldat Frank Braffort, wenig Anlass für Jubelsprünge über Frische und Neuerungen. Stattdessen hat sich der Protagonist ganz dem Flair unterzuordnen. Abseits der wenig interessanten Hauptfigur hat Autor Serge Lehman hier aber die richtigen Kniffe zur Hand, indem er einige interessante Spuren legt: Worum genau handelt es sich bei den Anomalien? Wer steckt hinter dem Piratensender, wieso interessieren sich plötzlich alle für Braffort und … gibt es in dieser Welt tatsächlich Superhelden? Auf Dauer darf das emotionale Kernstück natürlich nicht fehlen und hier könnte der Comic in weiteren Bänden sicher noch stolpern. Fürs Erste allerdings ist das World Building zusammen mit den aufgeworfenen Fragen aber durchaus ausreichend, um Vorfreude auf den kommenden Band zu wecken.

Fazit:

Lehmans und Crétys „Der Mann mit der Maske“ rettet sich für ein deutlicheres Urteil in den kommenden Band 2. Und zwar nicht auf Biegen und Brechen, sondern durchaus elegant. Trotz eher blassen Hauptfiguren, kann sich das Paris der Zukunft in die Mitte der Aufmerksamkeit spielen, gerade in den größeren Panels kommt hier ordentlich Stimmung auf. Zusätzlich streut Autor Serge Lehman genug interessante Geheimnisse, dass man gerne dabeibleibt und auch in den kommenden Band für die ersten Antworten reinschauen will.

zur Leseprobe
„Der Mann mit der Maske 1“ erscheint bei Bunte Dimensionen im Hardcover, 15€, 48 Seiten. Von Serge Lehman, Stéphane Créty und Julien Hugonnard-Bert.

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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