Der Henker 1: Göttliche Gerechtigkeit?

Dunkler Umhang und Maske, seinen Gegnern immer überlegen lauert die Figur über den Dächern auf ihre Opfer – macht Batman nun auch das mittelalterliche Paris unsicher?

Kriminelle Schabe fürchtet Dunkle Gabe!

Nein, natürlich nicht, auch wenn die Verwechslung nahe liegt. Denn „Der Henker“ hat es sich zur Aufgabe gemacht Mörder und Diebe ihrer gerechten Strafe zuzuführen – wenn nötig auch mit den rabiatesten Mitteln. Dabei hilft ihm seine „Gabe“, die ihn gegen konventionelle Waffen unverwundbar macht und ihm auch sonst Fähigkeiten verleiht, die man eher einem Gespenst als nur einem maskierten Vigilanten zuschreiben würde. Niemand weiß, wer sich hinter der Maske verbirgt, lediglich „das Parlament“, eine Organisation im Schatten, scheint Kontrolle über den Henker zu haben während dieser sich in verschiedensten Schlupfwinkeln Paris verbirgt um auf seinen neuen Auftrag zu warten. Als bei einer Mission allerdings ein ihn verhöhnender Gaukler auf den Plan tritt, der ebenfalls die Gabe zu besitzen scheint und den Henker so in seine Schranken weisen kann, ändert sich alles. Und der Meuchelmörder beginnt zu hinterfragen, ob er wirklich Jagd auf die Richtigen macht. Und was seine eigene Vergangenheit damit zu tun haben könnte.

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Ein Potpourri das schmeckt!

henker-1-bild-fuer-beitrag-2Und ja, ich weiß, dass Potpourri nur Deko und keine Snack-Schüssel sein soll, aber dennoch will man gerade beim „Henker“ beherzt zugreifen! Denn Mathieu Gabella („Das Einhorn“) bastelt sich hier eine offensichtliche Mischung aus Batman, Assassins Creed und dem Glöckner von Notre Dame, deren Teile aber wunderbar miteinander verzahnt sind. Als übermächtiger Rächer des kleinen Mannes ist der Henker gerade so viel Batman, dass er durch seine Einsamkeit und Getriebenheit gekonnt das Klischee eines mittelalterlichen Bruce Wayne umschiffen kann. „Die Gabe“ ist genau so ausdefiniert, dass sie neugierig auf mehr macht und trotzdem klare Regeln stellt wozu der Protagonist in der Lage ist und wozu nicht. Dazu kommt ein tolles Charakter-Design, dass sich wohl einige Verbeugungen vor den Vorbildern nicht verkneifen will: Der Henker, mit seiner vernähten Strohmaske, erinnert stark an Batman-Bösewicht Scarecrow und trifft dann auf einen clownischen Harlekin, der verhöhnend mit ihm spielt. All dies könnte bunt zusammengewürfelt einfach „nur“ Spaß machen ohne zu einem größeren Bild zusammenzukommen. Die wirkliche Stärke „des Henkers“ ist jedoch, dass er die Teile zu einem absolut interessanten und innovativen Konzept zusammenfügt und dem Leser immer signalisiert, dass er nicht einfach nur einen x-ten Abklatsch liest.

Mehr Platz für die schönen Dinge im Leben
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Da Gabella viel an Plot und Hintergründen zu etablieren hat, macht er es seinem Zeichner Julien Carette nicht immer leicht. Die oft sehr hübschen Panels sind gerne mal zum Bersten mit Text gefüllt, die Seiten selbst im Albumformat des Öfteren in viele Panels über vier bis fünf Zeilen zersplittert. „Der Henker“ wird dabei nie zu voll, nie unübersichtlich, keine Angst. Allerdings merkt man, wenn dann mal ein Panel mit Grande einen Auftritt hat, dass dieses mittelalterliche Paris durch mehr von diesen Momenten noch besser rüberkommen würden. Und obwohl Carette noch gar nicht so viele Veröffentlichungen vorzuweisen hat, weiß er dies gekonnt auszugleichen. Statt sein Heil im einzelnen Panel zu suchen, setzt „Der Henker“ auf eine Stimmung pro Seite. So bekommen alle Szenen immer eine angemessene Atmosphäre, ob eine Klopperei auf einem belebten Pariser Marktplatz oder ein emotional-motiviertes Wühlen in des Henkers Vergangenheit. Über ein paar große Momente zum Staunen dürften sich die meisten Leser aber in einem kommenden zweiten Band sicher trotzdem freuen.

Fazit:
Eigentlich klein und unauffällig, hat sich mit „Der Henker“ eine absolut griffige Mischung ins Splitter-Programm geschlichen, die alle Aufmerksamkeit verdient hat, die sie bekommen kann. Denn Klappentext und Aufmachung würden eher gegen statt für einen zweiten Blick arbeiten: Dunkle Rächer Gestalt auf dem Cover, zusammen mit einer Beschreibung die klingt wie „Batman in Paris“ könnten weniger Interesse schüren als gerechtfertigt. Denn die Geschichte rund um den Auftragsmörder und Rächer, Geheimbünde, übermenschliche Gaben und harte Trainingsjahre in der Vergangenheit ist in ihren Versatzstücken sicherlich nicht neu. Aber so nahtlos zusammengeschweißt, dass das Lesevergnügen garantiert und die Wissbegierde aufs „Wies weiter geht“ vorprogrammiert ist.

zur Leseprobe

„Der Henker“ erscheint bei Splitter im Hardcover, 56 Seiten, 14,80€ von Mathieu Gabella und Julien Carette.

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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