Der Fluch von Rowans Rise

Für sein Herzensprojekt hat sich Cover-Artist Mike D. Perkins denn Lucifer- und Hellblazer-Autor Mike Carey geschnappt, damit dieser seiner Idee um zwei Frauen und Landhausspuk , die richtigen Worte in den Mund legt. Geschichte aus der Gähn-Gruft oder gekonnter Lagerfeuergrusel?

Diese Folge … bei Häusertausch:

Die Mitzwanzigerin Katie braucht dringend eine Auszeit vom Alltag und ihren überfürsorglichen Eltern, da kommt ihr das Angebot zum Wohnungstausch gerade recht – besonders, da ihre Tauschpartnerin Emily, in einem alten Landhaus in der englischen Provinz lebt; Eine Ecke der Welt, die die Amerikanerin Katie noch nie gesehen hat. Ein Langstreckenflug und Schlüsseltausch später sitzt Katie auch schon in „Ems“ rustikalem Familiensitz, updated fleißig ihren Reiseblog und skyped mit ihrer gut gelaunten Tauschpartnerin. Katie solle sich gerne wie zuhause fühlen, lediglich Ems abgeschlossenes Privatzimmer unangetastet lassen. Katie lebt sich schnell in der Provinz ein, ist mit einem örtlichen Bobby liiert und genießt den Abstecher in vollen Zügen. Doch ein altes Gemäuer wäre kein gelungener Gruselschauplatz, wenn es nicht allzu bald zu seltsamen Vorkommnissen führen würde – und Katie anstachelte herauszufinden, was tatsächlich hier vorgefallen ist und wieso Em so glücklich ist, „endlich mal von zuhause raus zu kommen“.

Geglücktes Manöver in bekannten Gewässern

Rowans Ruin - Bild für Beitrag 1Diese Prämisse liest sich natürlich wie DIE Horror-Statute – gruseliges Anwesen, neue Bewohnerin und eine kaum stillbare Neugier. Und sicher gewinnt „Rowans Ruin“, so der Originaltitel, keine Vorschusslorbeeren für eine frische Horror-Prämisse, wie es beispielsweise ein „Stitched“ nur mit seiner Tagline erreichen kann. Aber, und das ist das tolle an Versatzstücken, ein frischer Blickpunkt und eine gute Ausführung können auch die runtergerissenste Idee über die Laufzeit einer Geschichte tragen. Und „Rowans Ruin“ schafft mal ebenso ganz locker beides. Einerseits sind die gesetzten Mysterien des Plots um wandernde Schatten, lange vergangene Morde und gespenstische Erscheinungen so bunt zusammengewürfelt, dass selbst Genre-Veteranen nicht so einfach nach ein paar Seiten schon hinter die Fassade steigen dürften. Und andererseits ist das Ganze so locker und frech erzählt, dass es selbst mit dem vorhersehbarsten Ende wohl noch Spaß machen würde. Denn Katie ist so neugierig wie schlagfertig, was sie bei ihrer Pseudo-Detektivarbeit genauso unterhaltsam aussehen lässt, wie bei ihrer Liebelei mit dem gutmeinenden Polizist James. Da stört es auch nicht, dass einige „Züge“ Katies trotz hoher Relevanz für die Geschichte nur wenig Erklärung erfahren – darüber geht „Rowans Ruin“ locker hinweg, im vollen Bewusstsein, dass die Leserschaft mit den Elementen vertraut sein dürfte und eine stereotypische Erklärung, die Handlung nur unnötig ausbremsen würde.

Ein Lob an die Küche ähh Redaktion

Mit einer eigentlich kurzen, in nur vier Ausgaben erzählten Story, schaffen es die beiden Mikes problemlos dem kleinen Cast genug Kanten zu verleihen, auch wenn die meisten Figuren sicher nur als Spiegel und/oder Stichwortgeber für Katie gedacht sind, es funktioniert. Das liegt nicht nur daran, dass die Protagonistin an entscheidenden Stellen sehr „Unhorrorhaft“ vorgeht und damit a) den Leser auf ihre Seite zu ziehen weiß und b) die müdesten Horror-Klischees gut zu umschiffen weiß. Keine Sorge, „Rowans Ruin“ bleibt eine geradlinige Story, die sich nicht in Meta-Kommentaren über das Genre ergehen will, mit einer all zu smarten Heldin, die schon jeden Horror-Film gesehen hat und deswegen nicht mehr zu überraschen ist. Aber eben nicht nur das, sondern der Comic ist, ganz simpel, auch einfach sehr gut geschrieben, besonders die im Ton treffsicheren Dialoge. Hier geht ein ganz besonderes Lob an die deutsche Redaktion und Übersetzer S.C. Kuschnerus raus, denn der Comic hätte ein Gros seines Charmes mit einer verirrten Wanderung vom Englischen ins Deutsche auf der Strecke lassen können.

Immer hübsch, immer passend
Rowans Ruin - Cover
Perkins hat sich für Plot und Plaudereien also den richtigen Mann gesucht, doch kehrt er auch ordentlich in seiner eigenen (Zeichen)stube? Wäre ja ungeheuerlich, wenn er erst das Projekt anleierte, um dann nicht die passenden Bilder liefern zu wisse. Dabei hat Perkins den Vorteil, dass er im eigentlichen wenig liefern muss, denn das Szenario verlangt weder aberwitziges Kreaturendesign noch verrückt, surreale Locations. So ist großes Lob auch schwer zu finden und gute Worte lassen sich eher für Kleinigkeiten finden, seien es die schön blau schimmernden Geister von Kolorist Andy Troys oder das dezente Spiel mit Schatten und Figuren zu Beginn der Geschichte. Nicht falsch verstehen, Perkins haut hier nicht expressionistische Kontraste raus, die einen schwindlig werden lassen, aber wo es der Comic schwieriger hat den Zuschauerblick zu lenken als der Film, wird dies in Horror-Geschichten meist besonders deutlich, gerade durch eine starke Über- oder Unterbetonung des Geschehens. Wenn sich Katie hier also geisterhaften Erscheinungen und Schatten gegenüberfindet, sind diese Szenen kurz, nett und funktional, was schnell übersehen werden kann, aber deshalb nicht weniger lobenswert sein sollte.

Fazit:

Versuch geglückt, Genre-Comic gelungen! Mit „Der Fluch von Rowans Rise“ steht Thriller- und Horror-Freunden ein gelungenes Kleinod ins Spukhaus, ganz ohne Trara und große Namen erschienen, aber eine perfekte Exekution des angestrebten Ziels. Eine stimmig bebilderte, frech erzählte und lockere Schauermär, die aber auch einen Tonwechsel zum Finale hin nicht scheut und auch noch stimmig ins Gesamtbild zu packen weiß. Wer hier keinen waschechten Horror ala Snyders „Wytches“ erwartet sondern Lust auf „Geschichten aus der Gruft“ für einen sonnigen Sonntag-Nachmittag hat, ist hier genauso richtig, wie die Leser der „Horrorschocker“ aus dem Weissblech-Verlag. Die beiden Mikes dürfen auch in Zukunft gerne wieder zum Doppel antreten, dann hoffentlich auch wieder mit einer so starken Übersetzung im Rücken wie dieses Mal.

„Der Fluch von Rowans Rise“ erscheint bei Panini Comics im Softcover, 108 Seiten, 14,99€. Gezeichnet von Mike Perkins, geschrieben von Mike Carey“
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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