Der Erlöser 1

Stephen Desberg lässt seinen Helden Jean Ravelle als geheimnisvollen Rächer gegen die kriminelle Elite Rio de Janeiros antreten. Doch Der Erlöser bietet wenig Neues und verspielt durch Schwarzweißmalerei viel Potential.

Die dunkle Seite Rio de Janeiros

Jean ist Geschäfts- und Lebemann, der sich aus eigener Kraft in die obersten Gesellschaftsschichten Rio de Janeiros gekämpft hat. Doch neben seinem luxuriösen öffentlichen Leben hat er ein geheimes, von dem nicht mal seine Frau, die schöne Han Qui, weiß. Er ist der Rächer der Kinder Rios, die den Drogenkriegen zu Opfer fallen und deren kurzes Leben in Gewalt endet. Doch nicht nur als heimlicher Kämpfer für Gerechtigkeit schwebt er in ständiger Gefahr. Denn die Hochglanzwelt Rios und die internationalen Geschäftsverbindungen kommen mit eigenen Fallstricken. Ohne Rücksicht auf Menschlichkeit und mit eiskaltem Blick auf Profit wird ein Attentat auf Jeans Leben geplant. Sogar seine eigene Frau ist in diese Intrige verstrickt und so sieht er sich gezwungen, unterzutauchen. Eine Geschichte voller schicksalhafter Verwicklungen und Gewalt nimmt ihren Lauf.

Viel Action, wenig Spannung

Der Erlöser spricht die ganz großen Themen an. Liebe, Verrat, Tod und Rache – dem Held wird keine Atempause gegönnt. In etlichen Actionszenen muss Jean sich beweisen und im albtraumhaft dargestellten Rio um sein Überleben kämpfen. Doch die erwartete Intensität der Handlung bleibt aus. Jean wirkt als Protagonist austauschbar und charakterlich blass. Angelehnt an James Bond und John Wayne bewegt er sich auf einer Gratwanderung zwischen High-Society und geheimen Missionen im Untergrund der Stadt. Hier werden keine großen Innovationen gewagt. Stattdessen bleibt die Trennlinie zwischen Gut und Böse durchweg übersichtlich. Jean wirkt dabei so glatt und überlegen (erfolgreicher Self-Made Man, Dandy, hervorragender Liebhaber, knallharter Kämpfer und moralisch tipptopp einwandfrei auf der Seite der Armen und Kinder), dass das Interesse auch bei gutem Willen schlagartig einschläft. Auch wird durch diese einseitig- anschmiegsame Positivdarstellung die spannende Frage nach der Richtigkeit des Vigilantentums gar nicht erst gefragt. So wird Der Erlöser zur müden Rachefantasie, die schnell verdaut und bald vergessen ist.

Zeichnerisches Talent wird an Fanservice verschwendet

Miguel Lalor bietet zeichnerisch solide Arbeit, bei der besonders die Kampfszenen gelungen dargestellt werden. Dynamisch setzt er die Konflikte ins Bild und wählt immer wieder spannende Perspektiven, die sich von Altbekanntem abheben. Auch Körpersprache und Mimik sind ausdrucksstark. Eigentlich ein visuell äußerst gelungener Comic, wäre da nur nicht der Hang zum ständigen Fanservice. Die Freizügigkeit mag an einigen Stellen sogar Sinn machen, da Rio hier als modernes Sodom dargestellt wird in dem Sex immer und überall käuflich ist. Gegen handlungsmotivierte Nacktheit möchte ich auch gar nicht puritanisch wettern. Doch wer soll eine Kampfszene zwischen zwei Frauen ernst nehmen, in der als erste Amtshandlung die Bluse platzt und der Rock hochrutscht? So unterwandern Desberg und Lalor das eigene Werk, das seine Glaubwürdigkeit endgültig verliert.

Fazit

Trotz vielversprechender Prämisse und spannendem Handlungsort wirkt Der Erlöser wie frisch aus der Konserve gepult. Wer sich von schnellen Szenen voller Sex und Gewalt unterhalten lassen möchte, ist hier genau an der richtigen Adresse. Wer mehr von einem Comic erwartet, der sich anspruchsvollen Themen wie Drogenkriminalität und Gewalt gegen Kinder widmet, wird von dieser Geschichte leider enttäuscht werden.

zur Leseprobe
„Der Erlöser 1“ erscheint im Splitter Verlag im Hardcover, 48 Seiten, 14,80€. Von Stephen Desberg und Miguel Lalor.

 

M. Lehn

Author: M. Lehn

Comics mochte ich eigentlich schon immer sehr gerne, zum klassischen Marvel/DC Superheldencomic habe ich aber relativ spät gefunden. Dafür ist meine Begeisterung jetzt umso größer! Meine große Leidenschaft waren allerdings immer Filme, mit der aktuellen Schwemme an Comicverfilmungen bin ich also mehr als glücklich!

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