Der Boxer von Reinhard Kleist

Mit einer Graphic Novel über Sport in deutschen KZ`s beeindruckt Reinhard Kleist nicht nur die Comicszene,  sondern schildert in einer sehr einfühlsam gezeichneten Biographie über den jüdischen Boxer Hertko Haft eine bisher kaum beleuchtete Thematik aus der Zeit des 2. Weltkrieges.

Reinhard Kleist im Interview
Micomics hat sich mit Reinhard Kleist im Berliner Comicshop Grober Unfug getroffen und ein Interview über die Recherche, den Hintergründen zu Hertzko Haft und seinen Zukunftsplänen geführt.

Die Bilder einer Biographie des Schreckens
Hertzko wuchs mit seinen Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater ist früh verstorben und so musste der älteste Sohn Aria die Familie weiter ernähren. Schnell entdeckte Aria den Schmuggel für sich und der kleine Hertzko transportierte die Waren nächtlich verborgen vor den Augen der deutschen Besatzer über die Grenze. In diesen Wirren des Krieges verliebt sich der grobklotzige Boxer in die Tochter eines Geschäftspartners. Am Tag der geplanten Verlobung wird er von den Nazis zum Arbeitsdienst eingezogen und landet im KZ. Als Günstling eines SS-Offiziers hatte Hertzko die Zeit in den verschiedenen Konzentrationslagern und gelangt so in einen Boxring. Die Lagerkommandanten organisierten Boxkämpfe zur Belustigung. Von diesem Zeitpunkt an beginnt eine ungewöhnliche Boxkarriere

Aus Hertzko wurde Harry Haft
Hertzko wanderte nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager in die USA aus und verdingte sich als Boxer. Seine Profikarriere unter dem Namen Harry Haft erlebte ihre Höhen und Tiefen. Letztendlich fühlte sich Haft vom Boxsport verraten und eröffnete nach diversen Tätigkeiten einen Gemüseladen. Bis 2003 behielt er seine Lebensgeschichte für sich und offenbarte sich in einem mehrere Tage dauernden Gespräch seinem Sohn Allen. Dieser schrieb die Biographie seines grausamen Vaters nieder und konnte sich so mit ihm versöhnen. Reinhard Kleist baute seine Comicbiographie auf Allens Gesprächsniederschrift mit seinem Vater auf. Auch wenn nach 60 Jahren die Erinnerung verschwommen sein können und das eine oder andere Detail geschönt wurde ist es doch ein Kapitel deutscher Geschichte, welches erzählt werden musste.

Der Autor und Zeichner Reinhard Kleist schafft es dem Leser anhand der wichtigsten Stationen eine Lebensgeschichte zu erzählen, welche eine Hauptfigur greifbar macht, welche sich nicht unterkriegen lassen hat, gekämpft hat bis zum bitteren Ende und dann seine Familie verlor. Die schwarz/weißen Tuschezeichnungen sind prägnant, aussagekräftig, authentisch und vor allem mitreißend. Ohne jeglichen Farbtupfer und Schnörkel, aber trotzdem detailreich gestaltet beweist Kleist abermals seinen Status als einer der besten Comickünstler seiner Generation.

Fazit
Die Comicbiographie ist eine ergreifende Lebensgeschichte um einen nicht wirklich sympathischen Sportler wider Willen, der sich Zeit seines Lebens durchboxen musste.

Der Boxer erschienen beim Carlsen Verlag im Hardcover, 200 Seiten für EUR 16,90

Tarante

Author: Tarante

Tiberius Tarante ist der Berliner mit der abgöttischen Liebe zum Medium Comic. Vom Mainstream bis zum Independent Comic verschlingt er alles und als Nerd 2.0 ist er sich bewusst, dass es noch einige Stufen bis zur Allwissenheit zu erklimmen gilt.

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