DC Comics Bombshells 1: Wehrdienst

Mehr als nur Porzellan-Püppchen? Mal als Sammelfiguren fürs Collector-Herz gestartet, bekommen die DC „Bombshells“ um Batwoman, Supergirl und Co. nun auch einen eigenen Comic-Auftritt.

Angriff von allen Seiten

Und (Unter)titelgerecht geht es direkt zum Wehrdienst und dann an die Front, denn in Europa tobt der zweite Weltkrieg und scheint nur mit schlagfertiger Hilfe einiger Powerfrauen zu gewinnen. „Bombshells“ geht dabei einen sehr alternativ-historischen Weg; klar, nicht nur, dass es fliegende Heroinen wohl nie gegeben hat, sondern gerade im Bezug auf seine Comic-Heldinnen – die Damen werden durch die Bank dem entsprechenden Kontext angepasst, bei manchen ändert sich weniger, wie Amazonenprinzessin Diana die das Inselparadies verlässt um den Nazis auf die Schnauze zu hauen, bei anderen Damen wurde mehr geschraubt – so sind Super- und Stargirl nicht nur Schwestern, sondern auch zwei Kämpferinnen für das sowjetische Russland und verteidigen ihre Heimat an der Ost-Front gegen Nazi-Schergen. Und auch in den kleineren Rollen finden sich nette Spielereien, so muss Hexe Zatanna als Mischung aus Bühnenzauberin und Cabaretgirl im deutschen Offizierskasino für Unterhaltung sorgen, immer unter der Fuchtel von Inhaberin „Jokers Tochter“. Und dann wäre da noch Batwoman, die Baseballschlägerschwingend nach Übersee geschickt wird und mit dem Namen „Wayne“ mal so ziemlich gar nichts am Hut hat …

Zwischen Heldenportrait und Pin-Up? DAAAH!

bombshells-1-bild-fuer-beitrag-1Bei dem Erfolg der „Bombshell“-Collectibles nimmt bei einem Begleit-Comic die Optik natürlich einen großen Platz ein, schließlich sollten die Statüchen nicht nur im Regal eine gute Figur abgeben, sondern auch auf dem Papier. Zeichner und Tusche zusammengenommen arbeiten sich hierbei ganze elf Kritzeler die Malfinger wund. Für sechs enthaltene Ausgaben eine doch ziemlich ordentliche Nummer. Verständlicherweise sind damit auch einige Stilunterschiede vertreten, großes Lob allerdings, wie sauber diese zueinander finden. Das dürfte wahrscheinlich auch damit zu tun haben, dass es sich bei den Bombshells nicht um einen einfachen Teamcomic handelt, sondern von Schauplatz zu Schauplatz gesprungen wird und es mitunter gar keine Berührungspunkte zwischen den einzelnen Storys gibt. Daher sind die Übergänge fließend. Harley Quinns Streifzüge durch London kommen der aktuellen Optik dabei noch am Nächsten, das Abenteuer von Mera und Wonder Woman gibt sich für einige Zeit tatsächlich sehr Pin-Upig und die Handlungen zu Beginn um Batwoman und Co. atmen einen untersättigten Wasserfarbenlook. Die Darstellung sollten durch die Bank überzeugen können, mir hatten es besonders die harten Kanten der beiden Russinnen, Star- und Supergirl angetan. Nicht nur, dass diese hervorragend zu dem kyrillischen Stil der Captions passen, der immer wieder in den Panels auftaucht, sondern ihr Fokus auf den Kampf gegen Luftgeschwader der Nazis bietet tolle Bilder voller Kontrast zwischen dem weiten Himmel und den menschengemachten Kriegsmaschinen. Wo man also bei Titel und Herkunft der „Bombshells“ eine plumpe Fleischbeschau von Zeichnerseite hätte erwarten/befürchten müssen, hüllen sich DCs Damen, wenn auch natürlich hier und da dann doch mal als Eye Candy, als Gesamteindruck in ein hübsches Gewand.

Licht und Schatten

Wo die Optik mit ihren Anleihen an Stile der 40/50er also fleißig Pluspunkte sammeln kann, stellt die Verbeugung vor der Vergangenheit auf erzählerischer Ebene sicher ganze andere Hürden vor Autorin Marguerite Bennett. Zuerst einmal ist es eine löbliche Idee mit Benett, übrigens eine ehemalige Scott Snyder-Schülerin, eine Frau hinters Steuer zu setzen, die auch bereits mit Heldinnen und Themen wie weibliche Homosexualität experimentiert hat. Kate „Batwoman“ Kane stellt als Baseballschläger-Schwingerin und kesse Liebhaberin damit eine der interessantesten Figuren des Bandes dar, wohl auch durch die Einbettung in eine ganz andere Zeitepoche. Auf der anderen Seite gelingt es der Autorin nicht, vielen der anderen Darstellerinnen neue Seiten abzugewinnen – weder Harley Quinn noch Poison Ivy kommen sonderlich originell daher, am simpelsten erwischt es wohl tatsächlich wieder Wonder Woman. Deren Geschichte, nahe der ursprünglichen Origin-Geschichte rund um die Paradiesinsel und den gestrandeten Soldaten Steve Trevor, erinnert an eine der schlechteren Ausführungen der Ursprungsgeschichte; Diane ist weit davon entfernt die runde, gefestigte Kämpferin für Gerechtigkeit zu sein, die sie als Figur eigentlich abzuheben und faszinierend zu machen weiß.

Genre-Laster sind wie Flöhe – schwer abzuschütteln

Das zu Grunde liegende Setting und die Idee bieten außerdem weitere Schwierigkeiten, die Bennett nur halb zu lösen weiß. Denn selbst das Konzept der augenzwinkernden, post-modernen Weltkriegs-Story hat bereits einige Wandlungen durchlebt, mal in besserer, mal inbombshells-1-cover schlechterer Form. Der 2. Weltkrieg, mit den perfekten, schon mythologisch überhöhten, Nazis als Bösewichtern und der historisch gewachsenen „Gut/Böse-Zeichnung“ scheint immer wieder wie eine dankbare Grundlage, möchte man doch nur eine simple „Die Guten verhauen die Bösen“-Geschichte erzählen. Das dabei oftmals noch eine ordentliche Portion Patriotismus oben drauf kommt, stößt bekanntermaßen dem internationalen Publikum auch deutlich saurer auf als den amerikanischen Lesern in der Comic-Heimat. Bennett tritt mit ihren „Bombshells“ in all diese bekannten, für mich zutreffender „ausgelatschten“ Fußstapfen. Und bietet andererseits wenig, um diesen faden Geschmack des Gewohnten entsprechend aufzupeppen – keine schrillen Übertreibungen wie zuletzt James Robinsons Voodoo-Nazi-Zombies, kein tieferer, zynischerer Einstieg in die Thematik wie ihn Gillens fantastischer „Über“ zuletzt zu bieten wusste. Stattdessen ist der Kampf für die „gute Sache“ dem Amerikaner wie immer in die Wiege gelegt, gerade im Vergleich zu deren Pendants auf der russischen Seite – denn das sowjetische Supergirl ist viel mehr damit beschäftigt gegen die eigenen Landesmänner und stalinistische Staatspolizei zu kämpfen, anstatt den bösen Nazis an der Front in den Arsch treten zu können. Patriotismus scheint es, auf russischer Seite zumindest, wieder nur mit einer ordentlichen Prise Salz und Unterdrückung zu geben, der russische Generalstab hat fast so böse zu scheinen wie der faschistische Feind selbst. Für Leser aus unserem, deutschen Kulturraum ist das inzwischen wahrscheinlich viel schwerer als „just having fun“ abzuhaken, gemessen an der großen Rolle Russlands im Sieg über die Nazis. Bennetts „Bombshells“ sind damit sicher durch und durch eine Hommage an den Soldaten-Comic dieser Zeit – aber liest sich, dank dem Ausbleiben der nötigen Innovationen und Anpassungen, auch wie ein in der Vergangenheit hängen gebliebener Comic-Rentner.

zur Leseprobe
„Bombshells 1“ erscheint bei Panini Comics im Softcover, 196 Seiten, 19,99€. Geschrieben von Margueritte Bennett, Zeichner: Marguerite Sauvage, Laura Braga, Ted Naifeh, Ming Doyle
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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