Das Erbe des Teufels 1: Rennes-Le-Château

Zeppeline, Geheimbünde, Reliquienjagd und die 30er Jahre – Eine pulpigere Grundlage kann ein Comic nicht haben. Werden Fans von Indiana Jones und Doc Savage also mit „Das Erbe des Teufels“ glücklich?

„Schon mal bei blassem Mondlicht mit dem Teufel getanzt?“

Das mittelalterliche Frankreich; in einer dunklen Zeremonie opfert ein abtrünniger Zweig der katholischen Kirche eine junge Frau in einem satanischen Ritual. Jahrhunderte später, kurz bevor der Zweite Weltkrieg Europa erneut in ein Schlachthaus verwandeln wird, lebt der junge Künstler Constant eine bescheidene Existenz. Seit einer romantischen Nacht mit der mysteriösen Juliette, die daraufhin spurlos verschwand, kann er nur noch ihr Gesicht malen, gefragt ist das Motiv allerdings nicht. Seine Besessenheit wird auf die Spitze getrieben als er Juliettes Gesicht in dem berühmten Gemälde „Die Hirten von Arkadien“ wiedererkennt, was unmöglich sein kann. Ehe er sich versieht findet sich Constant in einer Schnitzeljagd wieder, in der auch die größte Operndiva des dritten Reichs, ein verwunschener Geheimbund und eine draufgängerische Abenteurerin versuchen die Teile dieses historischen Puzzles zusammenzusetzen.

Der Fisch stinkt vom Kopf her. Oder riecht zumindest ein wenig.

Mehrere Parteien, darunter natürlich auch ein Nazi-Geheimkult, die einem mysteriösem Geheimnis auf der Spur sind, welches sich durch die Jahrhunderte zieht, gewinnt in der Story-Kategorie sicher keine Innovationspreise, ist aber ein immer noch fetziger Aufhänger mit dem sich ein rasantes Abenteuer erzählen ließe. „Das Erbe des Teufels“ ist allerdings an einem leicht anderen Schwerpunkt interessiert, man denke hier nicht die exotischen Abenteuer eines Indiana Jones, sondern eher eine detektivische Hinweisjagd à la „Das Vermächtnis der Tempelritter“ mit Nicolas Cage. Statt Schlagabtausch und Verfolgungsjagd stehen Intrigen und Detektivarbeit im Vordergrund, damit rücken unweigerlich die Charaktere ins Zentrum der Geschichte und damit tut sich der Autor nicht den größten Gefallen. Denn gerade bei der Hauptfigur Constant versäumt es  Jéromé Félix fasst völlig diesen mit interessanten Attributen auszustatten. Er bemüht lediglich das Motiv des besessenen Liebhabers als Antrieb der gesamten Geschichte, an seiner Liebe zu Juliette haben sich alle anderen Wendungen dann zu messen. Das erweist sich jedoch als ungeheuer dünn, um die Erzählung abseits des zu lösenden Rätsels interessant zu halten, besonders da uns die Abenteurerin Diane als aktivere Hauptfigur mit einer lebhafteren Vergangenheit ständig als viel interessantere Protagonistin vor der Nase baumelt. Constant wirkt wie die etwas trottelige, eindimensionale Nebenfigur, die hier allerdings den kompletten erzählerischen Fokus genießt. Dies bringt weitere Probleme für den zentralen Konflikt mit sich, Constant als Figur wirkt in seiner närrischen Liebe zu seinem One-Night-Stand altbacken, creepy und wenig sympathisch, ist aber eben nicht rund und interessant genug, als das man sich dennoch für die Figur interessieren könnte. Daran anknüpfend kommt es zur Mitte des Bandes zu einer erotischen Episode, die sich zu diesem Punkt der Geschichte nur mit „unausgegoren“ bezeichnen lässt. Hier wären Spoiler nötig, um weiter ins Detail zu gehen, aber so viel sei gesagt: dieser Moment ist bestenfalls typisch, unmotivierte Fleischbeschau wie wir sie aus allzu vielen Comics kennen und schlimmstenfalls ein chauvinistisches Missverstehen einer kompletten Frauenfigur. Das finale Urteil muss vorerst ausbleiben, da die weitere Erzählung in kommenden Bänden dieser Szene durchaus noch eine andere Stimmung verleihen könnte, das will ich Gastine und Félix nicht absprechen. Umso ungelenker, dass die Szene selbst nur widersprüchliche Hinweise gibt, wie sie vom Leser verstanden und gelesen werden möchte. Viel mehr der Probleme liegen wie gesagt beim ungünstig gewählten Fokus auf die Hauptfiguren. Besonders schade, da beispielsweise die Antagonistin Emma Calvé und ihre Handlanger ordentlich Charme versprühen. Hier spielt gerade Zeichner Paul Gastine ordentlich mit Motiven der Femme Fatale und karikaturartigen Nazi-Bösewichtern. Das Können scheint also absolut da zu sein.

Eine farbenfrohe Fahrt durch Frankreich

Auch sonst weiß Gastine die eher ruhige Erzählung in schmuckvolle Bilder zu packen. Die action-arme Geschichte gibt nur wenig Raum für dynamische Figurendarstellungen, Gastine weiß dies aber durch liebevolle Hintergründe und ausdrucksstarke Gesichter auszugleichen und fokussiert den Comic damit weiter. Alle paar Seiten sorgt ein verschieben der Farbpalette dafür, dass der Lesefluss gewährt bleibt; vom Kerzen erhellten Orange eines Anwesens, über das metallische Braun und Grau eines Zeppelins bis hin zu den grünen Hügellandschaften der französischen Provinz – die Präsentation in „Das Erbe des Teufels“ lässt kaum Platz für Langeweile.

Fazit:

Mit „Das Erbe des Teufels“ starten Paul Gastine und Jéromé Félix etwas orientierungslos in ihre interessante Schatz- und Mysterienjagd. Das zu Grunde liegende Rätsel macht neugierig, die Antagonisten sind herrlich stereotypisch im besten Sinne des Genres und Gastines Zeichnungen haben genug Pepp, um von Schauplatz zu Schauplatz zu tragen. Warum also ist gerade Protagonist Constant so ungeheuer blass geraten und weiß weder den Grundkonflikt der Geschichte zu stemmen noch den Leser für sein Schicksal zu interessieren? Hier lässt „Das Erbe des Teufels“ viel Potenzial liegen, in weiteren Bänden könnte dem sicher Abhilfe geschaffen werden, sollte sich der Fokus mehr auf die Abenteurerin Diane verlegen. Mit dem blassen Constant scheint der Reihe allerdings ein Dorn ins Story-Fleisch geschrieben, dessen Seitenstechen auch im zweiten Band seine Spuren hinterlassen dürfte. Wer für seinen gemütlichen Sonntag-Nachmittag auf einen Sympathieträger wie Dr. Henry Jones verzichten kann und mit einer Schatzjagd aller „Das Geheimnis der Tempelritter“ sowieso schon immer mehr Spaß hatte, kann den Blick ins Album hier aber durchaus riskieren.

zur Leseprobe
„Das Erbe des Teufels 1“ erscheint bei Bunte Dimensionen im Hardcover. 52 Seiten, 15,00€. Von Paul Gastine und Jéromé Félix.
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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