Comickünstler weben solidarisch ein Netz

Wer die Webcomicszene etwas beobachtet, der stellt schnell die Harmonie der Künstler untereinander fest. Urlaubsvertretungen und gemeinsame Aktionen stehen auf der Tagesordnung. Nun weben die Künstler an einem solidarischen Netzwerk und präsentieren ihre Projekte auf dem Comic-Salon in Erlangen.

Der Webcomic unterliegt seinen ganz eigenen Regeln. Gut ist, was funktioniert. Zu allgemein? Verlage messen den Erfolg an den Verkaufszahlen, Comics im Web an den Klickzahlen, aber die Künstler haben den enormen Vorteil der direkten Kritik durch das Kommentarfeld. Innerhalb von Sekunden erhalten sie Feedback und können daraus lernen, was den Leser mitgenommen hat, was ihn interessiert, doch das Internet bietet so einige Barrieren, welche es zu überwinden gilt. Auflösung der Bilder, Panelformat, funktionsfähige Webseite für alle Browser und wie sieht der Comic auf mobilen Endgeräten aus? Mit welchen Geräten zeichnet es sich gut und welche Pinsel verwendet man für welchen Effekt? Wie erzielt man einen finanziellen Gewinn aus dem Webcomic? Es gibt so vieles, das zu beachten ist und dabei habe ich noch nicht mal das Urheberrecht erwähnt.

seelenstripsHilfe ist angebracht, denn offenbar kleine Fehler können enorme Auswirkungen haben. Gerade auf Twitter und Facebook konnte man die gegenseitige Hilfestellung der Künstler untereinander des Öfteren live verfolgen und auch gemeinsame Projekte wie die Comic Collabs von Schlogger offenbaren bereits die enge Verknüpfung der Künstler untereinander. Johannes Kretzschmar, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Beetlebum, gründete vor einiger Zeit auf Facebook die Gruppe der Webcomic Schaffenden, die sich schnell großer Beliebtheit erfreute und als Forum für Tipps und Tricks diente. Die lockere Vernetzung durch gewachsene Freundschaften erhielt einen ersten Rahmen, den es auszubauen galt. Bereits 2010 wartete die kleine Gemeinde auf dem Comic-Salon mit einem gemeinsamen Projekt auf und legte „Seelenstrips“ vor. Der dicke Wälzer von Ulf Salzmann und Johannes Kretzschmar beinhaltete Auszüge autobiografischer Comicblogs und erschien beim Verlag Schwarzer Turm. Erstmals konnte Comicfans der Webcomic in geballter Form näher gebracht werden. So manch ein Leser betrat mit dem inzwischen vergriffenen Band Neuland und so einige Künstler fanden nicht nur neue Fans, sondern auch erstmals ihren Comic in gedruckter Form wieder.

Das Publizieren im Netz wirkt auf dem ersten Blick einfach. Zeichnen, Bilder hochladen, fertig. Doch ein Blick hinter die Kulissen offenbart Zeitfresser fernab des kreativen Prozesses, die man optimieren kann. Viele der Künstler zeichnen ihre Webcomics nebenher, also neben Studium und Beruf. Nur in wenigen Fällen reichen die Einnahmen zur Kostendeckung, denn auch Material und Server wollen bezahlt werden. Es steckt also viel Idealismus in den Projekten, die Unterstützung bedarf. Ein Netzwerk kann da Abhilfe schaffen und aus der lockeren Gruppe auf Facebook wurde die Initiative „Comic Solidarity“ gegründet. Es versteht sich selbst als ein gemeinnütziges, freies Bündnis mit kulturellen wie wirtschaftlichen Interessen und soll eine Wertsteigerung von Digital Artists und Self-Publishern im Comic-Bereich schaffen. Ihr Ziel ist die Vernetzung untereinander und somit die Weitergabe von erworbenen Wissen aus den unterschiedlichsten Fachbereichen zu erleichtern.

ComicSolidarityPoster2014

Auf dem Internationalen Comic-Salon Erlangen wird 2014 mit der im letzten Jahr ins Leben gerufenen Initiative „Comic Solidarity“ erstmals ein Fokus auf den Webcomic und das Online-Publishing gelegt. Die Gemeinschaft bestehend prominente Akteure, Verlage und Künstler, aber auch Comicwissenschaftler und Journalisten präsentiert eine Vortragsreihe mit Paneldiskussionen und Lesungen. Diskutiert werden die großen Chancen des digitalen Publishing und wie sich künstlerisch und wirtschaftlich damit arbeiten lässt. Insbesondere sollen die über 150 online publizierenden Künstler eine Möglichkeit bekommen sich zu präsentieren und gemeinsam auf den 5 Panels, den Vorträgen und Lesungen der Veranstaltungsreihe eine Frage zu diskutieren:

Welche neuen Impulse sind für grafisches Erzählen aus dem Bereich Online-Publishing zu erwarten?

Die Veranstaltungsreihe rundum den Webcomic könnte für die die Besucher des Comic-Salons zu einem der informativsten Highlights werden. Autoren und Zeichner bieten in Podiumsdiskussionen Einblick in ihre Projekte und wollen mit den Besuchern direkt in Kontakt treten. Während der Ponyhof von Sarah Burrini viel Beachtung findet, inzwischen von Zwerchfell und Panini in Kooperation der erste Band neu aufgelegt wird, landet der Manga oft unter dem Radar der Webcomic-Leser. Michel Decomain stellt beispielsweise in seinem Panel die Web-Manga-Szene vor. Der Autor konnte bereits vor wenigen Wochen im Roten Rathaus in Berlin sein Publikum in einem umfangreichen Vortrag über den deutschen Manga begeistern. Es sollen unter anderem Finanzierungsmodelle, Publikationsformen, Techniken und die Geschichte des Webcomic diskutiert werden. Lesungen sowie ein „Webcomic-Poetry-Slam“ ergänzen das Programm.

Auf dem Comic-Salon in Erlangen präsentiert sich die Initiative „Comic Solidarity“ erstmals der Öffentlichkeit. Interessierte Leser, Künstler und die, die es noch werden wollen finden sich von Freitag, den 19. Juni 2014 bis Samstag, den 21. Juni 2014 jeweils am Nachmittag im NH Hotel in der Beethovenstraße 3 in Erlangen im Saal Taurus II ein.

Tarante

Author: Tarante

Tiberius Tarante ist der Berliner mit der abgöttischen Liebe zum Medium Comic. Vom Mainstream bis zum Independent Comic verschlingt er alles und als Nerd 2.0 ist er sich bewusst, dass es noch einige Stufen bis zur Allwissenheit zu erklimmen gilt.

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