Comic Book Girl #4: Inventur des Grauens

Wir befinden uns im 6. Januar im 21. Jahre nach Entstehung des Seetrolls. Ganz Konstanz feiert, als heilige drei Könige verkleidet oder als Peitschen schwingende Grüffelos das Ende der besinnlichen Zeit. Ganz Konstanz? Nein! Ein von unbeugsamen Nerds besetzter Laden hört nicht auf, der Faulheit Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die Kunden, die trotz gesetzlichem Feiertag etwas kaufen möchten…

Zwei Gestalten huschen durch die nebligen Gassen. „Schnell, es hat schon angefangen!“ ruft die eine Gestalt der anderen zu. „Ganz ruhig. Es ist erst halb elf. Die werden noch Stunden brauchen für die Inventur.“, raunt es zurück. Vor einem beleuchteten Comicladen bleiben die beiden stehen und die junge Frau, eine Kapuze so tief ins Gesicht gezogen, dass man nicht einmal mehr ihre grünen Haare erkennt, klopf aufgeregt an der Glastür. „Es ist offen.“, schallt es von innen auf die Straße. Die beiden betreten den Laden und schauen sich um. Trotz Feiertag wuseln überall im Laden brave Helferlein verschiedenster Abstammung und unterschiedlichen Alters herum. Da ist ein Lehrmeister für Zahlen, der in einer Ecke sitzt und Spiele zählt, eine Elfe, die ihre Blumeninsel verlassen hat, um Comictitel auf einer Liste abzuhaken, die gute Fee, ihr Krieger, mit zarten fünf Monaten zwar noch zu jung zum Zählen, von dem wir in Zukunft allerdings noch viel erwarten dürfen, sogar zwei Quelfen sind gekommen, um ihr Geschick des Vorlesens und Findens in den Dienst der alljährlichen Inventur zu stellen.

Der Chef der Gemeinschaft des Trolles, ein Hüne, dessen Kampfgeschick ihn weit über die Grenzen des Schwabenlandes hinaus hat bekannt werden lassen, steht vor dem Comicregal und liest Titel von Comics vor, welche die zwei Damen dann auf endlos scheinenden Listen abkreuzen. Als unsere zwei merkwürdigen Gestalten nun also diesen Laden betreten, schaut er hoch, grüßt kurz und fügt dann mit einem nicht zu überhörenden, schadenfrohen Unterton hinzu „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Ihr beide macht GW“. GW –  ein Code für alles, was mit Tabletop zu tun hat. Oder, schießt es der jungen Frau durch den Kopf, für Produktnamen, die nur noch schwieriger sich zu merken wären, wenn sie klingonischen Ursprungs wären. Und davon 16 A4-Seiten, Schriftgrösse 11.

Ehrensache, dass trotzdem alles ohne Gemurre abläuft. Natürlich ist hier oder da Geschimpfe zu hören, wenn wieder einmal ein paar Ritter von Minas Tirith bei den Tyraniden eingeordnet sind. Einzig das eiserne Festhalten an der Hoffnung, dass es an einem freien Tag nichts besseres geben könnte, als Schachteln zu zählen, hält die zwei fleißigen Helferlein davon ab, alles hin zu schmeißen.

Doch die Anstrengung sollte sich lohnen. Die Sonne steht an ihrem höchsten Punkt am Himmel, oder zumindest wird das beim seit Tagen anhaltenden Nebel vermutet. Und so wird ein Mittagsmal serviert, auf das jeder unerwartet reisende Hobbit neidisch wäre. Ein Gastwirt, Spezialist für deutsch-türkische Spezialitäten, hat den Gefährten ein Mal zubereitet. Es gibt warme, mit Gemüse, Fleisch, Käse und Fisch belegte Brot-Kuchen und dazu machen sie sich mit einem schwarzen, wach machenden Getränk etwas Freude auf. Dies ist dringend notwendig, denn schon kurze Zeit später geht es weiter. Während die drei Comiczähler inzwischen bei den Mangas angelangt und die Quelfen in die Untiefen des Lagers hinabgestiegen sind, um die dort verborgenen Schätze zu zählen, ist für die Tabletoppler noch immer kein Ende in Sicht.

Am Ende des Tages, nach über sieben Stunden Zählen, Listen durchforsten und Schachteln sortieren müssen sie sich geschlagen geben. Vieles haben sie geschafft, für das erste Mal nicht schlecht. Aber der endgültige Sieg ist ihnen verwehrt geblieben.

Lange währt die Enttäuschung über die verlorene Schlacht nicht. Das nächstes Jahr kommt bestimmt, und auch da werden die fleißigen Helfer wieder anwesend sein.

Und der Einsatz hat sich gelohnt. In den nachfolgenden Tagen merkt die grün behaarte (Das klingt, als wär ich vollbehaart) Azubine, dass ihr die vorher so fremden Begriffe nun vertrauter vorkommen und sich die Gespräche einiger Kunden nicht mehr ganz so fremd anhören.

Weitere Informationen zum Seetroll findet ihr auf der Seite, Facebook und Twitter 
Nicky

Author: Nicky

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