Chrononauts: Die Zeitreisenden

Was kommt dabei raus, wenn zwei verantwortungslose Wissenschaftler ihre Erfindung ohne Rücksicht auf Verluste austesten? „Chrononauts“!

Wir müssen … ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT!

Ok, ja, wenig kreativ gewählte Überschrift, aber auch bei der mensch-gewordenen Druckerpresse Mark Millar scheint es trotz hohem Outputs auch weiter Hommagen-Zeit zu sein: Nach „Starlight“ und einem Trip ins futuristische All bleibt „Chrononauts“ jedoch auf der Erde und reist stattdessen in lang vergangene Tage. Die beiden Wissenschaftsjunkies Danny und Corbin, die sich in Lederjacke und Sonnenbrille sicher wohler fühlen würden als im Laborkittel, haben das Zeitreisen möglich gemacht. Mit ihrem ersten Abstecher zu Kolumbus Ankunft in Amerika wollen sich die Beiden selbst ein Denkmal setzen gehen dabei allerdings im Zeitstrom verloren. Das scheint die zwei Draufgänger aber nicht wirklich zu stören, statt zurück in ihre eigene Zeit, reisen die Beiden nämlich wild hin und her und haben dabei die ZEIT ihres Lebens. Bei dem NASA-Äquivalent für Zeitreiseangelegenheiten sieht man dies allerdings nicht so locker und hetzt den Wissenschaftlern einen Eingreiftrupp hinterher – schließlich sind die Folgen für Gegenwart und Zukunft nicht absehbar, wenn so rücksichtslos im Zeitstrom herumgepfuscht wird.

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Punk und Funk …

Bei sämtlichen Zeitreise-Geschichten ist die kohärente Logik meist das Erste was traurig zurückgelassen dem verschwindenden DeLorean hinterherwinken darf. Das ist auch bei Millars Chrononauten nicht anders, die schottische Comic-Größe ist an allererster Stelle an Tempo und Spaß interessiert. So nutzen Danny und Corbin ihre Erfindung also vordergründig dafür ein epochenüberspannendes Jet-Set Leben zu führen, sind gleichzeitig Pharaos im uralten Ägypten und gentlemansche Glücksspieler in einem Amerika der 1930er – alles natürlich inklusive Macht, Reichtum und nur der schönsten Frauen. Die erwähnten Logiklöcher werden dabei fast schon provokativ ignoriert, Millar schert sich wenig um sowas wie Sprachbarrieren – alles was man braucht um sich zum Herrscher über die Qing-Dynastie aufzuschwingen sind geklaute Waffen und Panzer aus der Zukunft, Chinesisch lernt sich wahrscheinlich mal so nebenher. Dank dem hohen Tempo ist „Chrononauts“ in diesen Momenten auch meist sehr stark, es hat schon was Kampfflugzeuge an Dinosauriern vorbeirasen zu sehen oder über jubelnde Samurais zu grinsen, die mit einem Abrahams-Panzer zur Rundfahrt starten. Dialoge und One-Liner sind dabei äußerst stark und passen sich perfekt ans Tempo an, kein Panel scheint unnötig, kein Satz zu viel. Hier merkt man augenblicklich, dass mit Millar ein Autor hinten dran sitzt, der sein Selbstvertrauen absolut zu zeigen weiß.

… und der Kater danach

chrononauts-bild-fuer-beitrag-2Die schönen Set-Pieces und Puzzle-Teile können allerdings (fast) nie darüber hinwegtäuschen, dass „Chrononauts“ als Gesamtpaket äußerst hohl und leer bleibt. Das hat auch besonders mit den erwähnten Logikbrüchen zu tun, denn: ja, Zeitreisen folgen natürlich keinen festen Gesetzen, ABER, jeder gute Stoff, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt, versucht immerhin eigene Regeln für seine Handlung zu etablieren – ob jetzt eben im Kurzverfahren wie ein Bruce Willis in „Looper“ der mit Strohhalm-Figuren droht oder ausführlicher wie im Genre-Standard „Zurück in die Zukunft“. Es ist gar nicht so wichtig, welchen Regeln die Geschichte folgt, jedoch, dass sie IRGENDWELCHEN Regeln folgt. Und Millar schmeißt hier absolut alles aus dem Fenster, um lieber von Setting zu Setting zu jagen. Dies unterbindet aber jegliche Bindung zu irgendwelchen Figuren oder Schicksalen, die ganze Prämisse der Jagd durch die NASA die Beiden zu stoppen wird absolut hinfällig, wenn wir an keiner Stelle die Ausmaße der Pfuschereien im Zeitstrom sehen. Das würde sicher dem angepeilten, spaßigen Ton zuwiderlaufen, wenn die selbstsüchtige Zeitreise des Duos für ihre Verwandten zuhause nur Chaos bedeuten würde, aber irgendwelche Maßstäbe sucht man als Leser schon und das aber vergebens. Dadurch weiß „Chrononauts“ zwar sicher aus allen Rohren zu feuern, wirklich mitreißen kann die Geschichte allerdings selten und dabei müssen sich diese beiden Pole ja nicht abstoßen – Ein „Zurück in die Zukunft“ ist an erster Stelle auch nur Komödie und nicht dunkle Parabel darüber, dass der Mensch seine Grenzen kennen soll und trotzdem schafft es der Film ein Finale zu inszenieren, dass auch nach dem x-ten Mal sehen noch sau spannend ist. Weil zuvor klar etabliert wurde, was und besonders DAS für alle Protagonisten etwas auf dem Spiel steht. Und dies ist, wenn auch sicher nur eine von vielen, eine Zutat, die den Film zu dem Klassiker hat werden lassen, der er heute ist. Diese Potenzial fehlt Millars „Chrononauts“ absolut.

Stemm Gordon Murphy
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Ein bis jetzt noch nicht erwähntes, aber absolutes Plus ist die Arbeit von Zeichner Sean Gordon Murphy, der wie schon bei Scott Snyders „The Wake“ wieder mit dem Colourer Matt Hollingsworth zusammenarbeitet. Dass die Zwei ein inzwischen gut eingespieltes Team sind, merkt man sofort. Murphys kantig skizziger Stil, der Gesichter mal gerne grober, die Locations dafür aber umso illustrer hält, ergänzt sich super mit Hollingsworth Farbgebung. Dieser setzt in dem braun-sandig dominierten Abenteuer immer wieder kleine Farbakzente, die gerade die Zeitsprünge toll im Bild „hervorploppen“ lassen. Murphy hat schon bei „The Wake“ gezeigt, dass er ruhig mindestens genauso gut kann wie Radau und auch bei „Chrononauts“ ist dies wieder mehr als willkommen. Denn wenn das Tempo zum Finale hin wirklich mal etwas runterfährt, weiß Murphy auch die wortleeren aber emotionalen Panels perfekt zu bebildern – damit stemmt Murphy immer genau dann „Chrononauts“ zurück in die Oberklasse, wenn das Abenteuer dank zu viel Rasanz ins Mittelfeld abzurutschen droht. Und all das obwohl ich mich persönlich normalerweise nicht für die Stilrichtung begeistere, die Murphy mit seinen Zeichnungen einschlägt – Respekt!

„Chrononauts: Die Zeitreisenden“ von Mark Millar und Sean Murphy erscheint bei Panini Comics im Softcover, 124 Seiten, 16,99€
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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