Chatlog: Thor – Tag der Entscheidung

Wir nehmen das neueste Kinoabenteuer aus dem Hause Marvel unter die Lupe. Thor geht in die dritte Runde, also 3 Redakteure und 3 Meinungen.

 

Tarante

Kann mir einer von euch sagen warum Marvel in Deutschland seinen Filmen so bekloppte Titel gibt?

 

Marcus

Angeblich liegt es am komplizierten deutschen Namens- bzw. Lizenzrecht. Wobei ich mir nur schwer vorstellen kann, dass irgendwer die Rechte an Ragnorök, also Weltuntergang hält. Nachdem ich den Film gesehen habe, ist Tag der Entscheidung aber wirklich unpassend. Irgendeinen besseren Vorschlag?

 

Tarante

„Thor Gordon“ wäre jedenfalls näher dran.

 

Marcus

Oder im Weltall ist die Hölle los. Denn eins ist klar. Ein Großteil des Films spielt nicht mehr in Asgard. Ist die kosmische Ausrichtung ein richtiger Schritt oder versucht man nur die Guardians zu kopieren?

 

Tarante

Thor hat ja erst die Tür zum All für das Kinouniversum geöffnet. Aber trotzdem wird sich bei den Guardians heftig bedient. Das All besteht nicht nur aus Götterwelten. Nein. Es ist dreckig und verroht. Da haben sie gleich Pluspunkte gesammelt.

Simon

Dabei ist das sicher nichts schlechtes, was den kosmischen Krawall angeht. Fleißig bei den bunteren Brüdern, wie Guardians oder Dr. Strange zu klauen. Das verhindert auch, dass man unnötig an der von Superhelden schon zu Genüge beackerten Erde verhaftet bleibt und sich selbst am Abflug hindert (hust Thor 2 hust). Das große „Aber“, allerdings: muss man denn auch den Ton der anderen Filme so weiter vorantreiben? Ironische (Er)brechungen bis zum geht nicht mehr. Anfangs im Film lustig, später eher frustig – werden wir gar keinen Film mehr aus dem Hause Marvel bekommen, der sich selbst wenigstens in seinem Finale ernst nehmen kann?

Marcus

Dabei empfand ich das Finale selbst gar nicht so überzogen. Aber der Weg dorthin wirkte zum einen stark konstruiert und überraschend  unbalanciert. Ähnlich wie in Civil War kommt keine richtige Atmosphäre auf wenn sich Superwesen prügeln. Das mag noch so imposant aussehen aber am Ende gehen beide nahezu unverletzt aus dem Schamützel hervor. Auf der anderen Seite benutzt Taika Waititi einen simplen Kniff, um Thor in die Bredouille zu bringen. Insgesamt kann man den Film so nur schwer ernst nehmen. Kam es  nur mir so vor oder hatte der Film eine sehr hohe Sterberate?

Simon

Nein, ging mir ebenso. Wo ich weder Nathalie Portmans Ausstieg als Love-Interest noch das Weglassen von Praktikantin Darcy und Dr. Selvig wirklich schlimm fand (wie gesagt, schließlich „befreit“ das den Film weiter von der Erde und ermöglicht es den Arsen ohne Ballast am Ballon zu fernen Welten zu fahren), empfand ich die tatsächlichen Tode hier (keine Spoiler) doch als deutlich sichtbaren Bruch im Ton. Nicht das die betroffenen Figuren es die zwei Filme vorher über das Los des Nebencharakter hinaus geschafft hätten und daher das große Drama angemessen wäre. Allerdings find ichs schon schräg, wenn ein Guardians 2 im gleichen Marvel-Jahr seine Schlussminuten mit fulminanten Spacefeuerwerk feiert um den Gefallenen zu ehren, während der Hammerschwinger in seiner dritten Auflage keine müde Träne für gefallene Kameraden verdrücken zu wollen scheint. Musste hier Platz gemacht werden, um alten/neuen Freunden „Platz in der Arena“ zu verschaffen? (Und muss man überhaupt noch um Spoiler herumtanzen, wenn Marvel im Zuge seines Marketings eigentlich keine Überraschung mehr für die Filme selber aufspart?)

Marcus

Stimmt, die Todesszenen gingen wirklich emotionslos zu. Ich meinte aber auch die unzähligen Namenlosen die in der Unterwelt, auf Sakaar und in Asgard das Zeitliche segnen. Mich hätte es nicht gewundert, wenn plötzlich ein Body-Count Zähler wie in Hot Shots 2 eingeblendet worden wäre. Wenn schon die Abgänge keine Emotionen auslösen, konnten euch denn die Neuzugänge begeistern?

Tarante

Ich hader da noch ein wenig mit mir. Ich vermisse Portman und die Assistentin sogar ein wenig. Entweder landen die noch in deinem Body-Count-Ticker oder es fehlt etwas. Schlimmer finde ich den Umgang mit der angedeuteten Liebe zwischen Hulk und Black Widow, die hier vollkommen ausser Acht, nein sogar mit Füßen getreten wurde. Aber das offenbart zwei Dinge. Marvel hat keineswegs einen großen Plan und der Regisseur hatte offensichtlich vollkommen freie Hand. Unfreiwillig war ich bereits vor Ragnarök ein großer Fan des Regisseurs. Vor Jahren bin ich über Waititis Eagle vs. Shark gestolpert. Eine extrem absurde Geschichte um Liebe und Rache mit total emotionalen Wracks bis zur letzten Nebenrolle. Genau das hat er nun ins Marvel-Universum transferiert und es hat für diesen Film funktioniert. Grundvoraussetzung: der Zuschauer soll nicht nach links und rechts gucken und erst recht nicht in die Vergangenheit. Nun muss jedem klar sein: die Zielgruppe des Films ist größer als diejenige, welche sich intensiv Gedanken über die Zusammenhänge macht. Der Film soll die große Masse unterhalten und die weiss schon gar nicht mehr was in den ersten beiden Teilen passiert ist. Da könnte Thors bester Kumpel niedergemetzelt werden und nur ein Promille hätte überhaupt gecheckt wer das war. Dafür hat Waititi neue Charaktere mit genügend und auch ausbaufähigen Background eingeführt. Die pegelhaltene Valkyrie gehört nun für mich zum festen Marvelcast. Da geht noch mehr.

Marcus

Stimmt Tessa Thompson hat mir als Valkyrie auch gut gefallen, wobei ich im Kino schon mit den Augen rollen musste, als ich an die Kommentare der Verfechter der Vorlagentreue denken musste. Denn von der von Roy Thomas und John Buscema erschaffenen blond-blauäugigen Arsin ist Frau Thompson denkbar weit entfernt. Die Anspielung auf die Beziehung zwischen Hulk und Black Widow hat mich gar nicht so gestört. Das war eher eine Stelle an der ich herzlich gelacht habe. Wie hat dir denn Waitits Performance vor der Kamera gefallen? Hast Du ihn erkannt?

Tarante

Erkannt habe ich ihn nicht. Lag es am CGI oder doch daran, dass er mir als Schauspieler nicht bewusst über den Weg gelaufen ist. Seine Figur ist schon auf Klamauk angelegt und hat mich eher an die mexikanische Quasselstrippe auf Speed aus Ant-Man erinnert. Ich bin mir sicher: den sehen wir nur wieder, wenn er nochmal im Regiestuhl Platz nehmen darf (Anm.: inzwischen mehren sich die Hinweise auf einen kommenden One-Shot um Korg und Miek). Mir fällt aber immer mehr auf, dass es gut ist von Marvel wenig Ahnung zu haben. Logisch ist eine nordische Figur nicht schwarz, aber hey. Hier hat Thompson mich überzeugt.

Marcus

Korg, die Rolle des Regisseur, ist für den Marvel-Kenner übrigens eine sehr logische Figur, um in einem Thor Film, die Planet Hulk Story aufzunehmen. Korg gehört nämlich zum Volk der Kronans auch bekannt als Steinmenschen vom Saturn. Die versuchten in Journey into Mystery 83 eine Invasion der Erde. Dies wurde jedoch von einem Helden unterbunden, der hier sein Marvel Debüt gab: niemand geringeres als „The mighty Thor“. So schließt sich der Kreis und für solche Nettigkeiten liebe ich die Marvel Filme. Wobei man sich auch hier Freiheiten bei der Farbe genommen hat. Denn eigentlich sind die Kronans eher gelb und nicht grau.

Tarante

Boah. Nerdwissen deluxe. Kannst du mir auch noch was zum Grandmaster sagen? Jeff Goldblum hat mich wie immer auf ganzer Linie überzeugt. Seine locker fluffige Art war lustig und angsteinflössend zugleich. Seine Darstellung erinnert stark an die abgedrehten Ceasaren des späten Roms. Brot und Spiele in einem mülltriefenden Moloch aus Dekadenz. Das war rund. Hast du da eine Lesempfehlung für mich? Da würde ich gern mehr von sehen.

Marcus

Anders als im Film ist der Comic-Grandmaster eines der ältesten Wesen im Marvel-Universum. Roy Thomas und Sal Buscema schufen ihn für The Avengers 69. Er ist besessen von Spielen, die meistens nach einem bestimmten Schema ablaufen. So lässt der Grandmaster gerne von ihm ausgewählte Teams gegen Teams seines Gegenspielers antreten. Also ganz ähnlich wie im dritten Thor Film. Der Grandmaster ist übrigens ein Bruder des Collectors, der uns im ersten Guardians Film seine Sammlung präsentierte. Unlängst erschien auch das Videospiel Contest of Champions in dem der Grandmaster als Aufhänger für die Story des Kampfspiels für mobile Endgeräte diente. Hierzu wurden auch Comics veröffentlicht von deren Qualität ich mich jedoch noch nicht überzeugen konnte. Eventuell begeistert dich aber auch das vierteilige Crossover JLA/Avengers aus der Feder von Kurt Busiek in dem der Grandmaster für ein Aufeinandertreffen der beiden Superheldenteams sorgt.

Tarante

Wieder mehr Material für meinen Ungelesenstapel.

 

Simon

Bei dem Nerdwissen hier um Steinmenschen und Grandmastern, der Freude an den Goldblums und den Waititis, möchte ich doch noch einmal als Griesgram Sand ins Getriebe werfen, denn: Auch eine Cate Blanchett spielt hier super fröhlich auf, als wäre der ganze Setbesuch für sie wie ein Partyurlaub, aber: ist der letztendliche Nutzen so hoch? Was bringt ein wieder mal beim Cast vergoldeter Marvel-Film, der von einer eher sklavischen Dramaturgie thematisch zurückgehalten wird? Was bringt ein Schwergewicht wie Blanchett, wenn sie als Bösewicht auch nur den Narren der Woche geben darf? Verschenkt – wie ein Mads Mikelsen in Dr. Strange! Wo bleibt endlich Marvels Joker, Marvels „Dark Knight„? Oder bleibt „Avengers 1“ der tatsächliche (und einzige) Meilenstein des MCU und wir werden damit zufrieden sein müssen, dass im Marvel-Universum selbst der arsische Weltuntergang höchstens Lachtränen zu vergießen weiß?

Tarante

Da bin ich nur fast bei dir. Nehmen wir die beiden letzten Cap Filme. Deren Grundton und Thema ist sehr ernst. Sie rücken die Helden in ein anderes Licht und stellen unter anderem die Verantwortung eines Helden in den Mittelpunkt. Wie viel davon will und kann Marvel dem Publikum zumuten. Der Großteil möchte Unterhaltung. Ich hoffe ja noch auf einen Thanos mit Relevanz. Wo ich bei dir bin ist das gefühlte Verheizen von Stars durch schlecht gestaltete Schurken. Ob das nun am Drehbuch, Regisseur oder Darsteller liegt ist dabei vollkommen gleichgültig. Mit dem Bösewicht gewinnt eine Geschichte erst an Glaubwürdigkeit, Tiefe und Relevanz.

Marcus

Es ist schon auffällig wie selten Marvel eine glaubwürdige Bedrohung inszeniert und da kann der Name des Schauspielers noch so groß sein. Das mag zum Teil auch an der Allmacht der Helden liegen und wenn man ehrlich ist, kranken auch die Comics aus dem Hause der Ideen an den gleichen Symptomen. Vermutlich fehlt es an einem revolutionären Kreativen, der es schafft die ausgetretenen Pfade zu verlassen und etwas wirklich Innovatives darzustellen.

Tarante

Oooo. Schon betreten wir ganz gefährliches Terrain: das Schema F des Superheldenkonzepts und die Erwartungshaltung der Zielgruppen. Der Held ist gut und gewinnt am Ende. Der Mut eines Verlages einen Helden tatsächlich zu beerdigen verlässt ihn schnell nach der Umsetzung. Siehe Superman und Wolverine. Achtung dezenter Spoiler: angeblich sollen im dritten Avengers einige Helden über die Klinge springen und somit den Weg in die nächste Phase ebnen. Vielleicht kommt noch die Tragik, Trauer, Tiefe und Relevanz. Vielleicht brauchen wir als Zuschauer noch diese leichten Kinoepisoden, um dann später mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf diese Phasen zurückblicken zu können?

Marcus

Ich befürchte viel mehr dass irgendwann die Zuschauer im Kino ausbleiben und uns dann die Reboot Welle wie im Comic ereilt. Zumal das MCU mit seinen Phasen und begleitenden Serien bereits eine Komplexität erreicht hat, die den normalen Kinogänger überfordert.

 

Simon

Bevor wir also doch wieder ins Große Ganze abdriften, meine Herren, die Fazits? Da meins sicher noch am Negativsten ausfällt und wir doch die Leser mit einem insgesamt launigen Eindruck ins Kino schicken wollen, würde ich da direkt den Anfang vom Ende machen: „Thor 3“ ist wohl einer der witzigsten Marvel-Filme, aber auch der Gespaltenste; wie in der ersten Hälfte lustig unterhaltsam so frustig unentschieden dagegen in seinem Finale. Wer mit Dr. Strange, Ant-Man und den Guardians problemlos abschalten konnte, sollte auch hier sofort den Weg ins Kino suchen und das Ticket lösen – wer allerdings schon Genre-Ermüdung verspürt, sollte hier nicht auf den Wandel hoffen, dafür fühlen sich Skript und Ton einfach zu sehr nach der bekannten Marvel-Formel an. Aber wie Tarante ja schon angerissen hat, hier schafft dann vielleicht im nächsten Jahr die große Heldenzusammenkunft in „Infinity War“ Abhilfe mit allerlei Tod, Verderben und Misere – mir wäre es eine Freude!

Tarante

Es ist also der Tag der Entscheidung gekommen. Ich muss ein Fazit finden und mich entscheiden. Was will ich im Kino sehen? Ich will in erster Linie unterhalten und von den Bildern geflasht werden. Beides hat Thor 3 mit seiner gehörigen Portion Space-Trash geschafft. Da ich seit Jahren keinen Anspruch im Mainstream erwarte, hat er mir erneut auch nicht gefehlt. Ich habe oft gelacht und die Zeit verging wie im Fluge. Langeweile kam einzig in der finalen Klopperei auf. Also Hirn aus und ab ins Kino.

Marcus

Von den drei Thor Filmen hat mir „Tag der Entscheidung“ tatsächlich am Besten gefallen. Wenn man sich auf die Bilder einlässt bekommt man sicherlich Spaß, der sich sehr vertraut anfühlt. Ich freue mich sogar schon auf die Heimkino-Veröffentlichung weil ich gespannt bin was sich so alles in den Trümmerbergen von Sakaar versteckt. Um es auf den Punkt zu bringen: Thor 3 bedient die Erwartungen eines Publikums, dass Lust auf einen weiteren Superheldenfilm hat. Wer sich selbst dazuzählt, wird im Kino mit kurzweiliger Unterhaltung versorgt.

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Tarante

Author: Tarante

Tiberius Tarante ist der Berliner mit der abgöttischen Liebe zum Medium Comic. Vom Mainstream bis zum Independent Comic verschlingt er alles und als Nerd 2.0 ist er sich bewusst, dass es noch einige Stufen bis zur Allwissenheit zu erklimmen gilt.

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