Carnage 3: Alles Böse kommt von unten

… und hiermit geht die Jagd auf den knallroten Serienkiller in ihre dritte und vorerst letzte Runde. Denn nach Mine und Pazifik ist nun ein Showdown auf der Tropeninsel angesagt – inklusive verlassener Tempel, alter Götter und natürlich allerlei Gefahren.

Indiana Jameson and the Call of Carnage

Autor Gerry Conway und Zeichner Mike Perkins fahren dabei für ihr Finale alles auf, was Leser erwarten dürften, wenn einer der gefährlichsten Spider-Man Bösewichte ausgerechnet das Marvel-Äquivalent zum Necronomicon in die Hände bekommen hat. Conway zieht das Tempo gerade im ersten Drittel weiter an, während Carnage auf seine göttliche Bestimmung zumarschiert ist die Eingreiftruppe rund um John Jameson, Eddie Brock und der mysteriösen Victoria Montesi ihm immer auf den Fersen. Auch im dritten Band spielt Conway mit Genre-Konventionen, wo er im ersten Band noch im Sinne einer klaustrophobischen Horror-Mär anlegte und Band 2 daraufhin einem nautischen Szenario unterwarf steht nun eine Lovecraft-Hommage für den Klimax auf dem Programm. Dem inklusive sind einige Indiana Jonesige Elemente wie vergessene „Ureinwohner“, die sowohl Carnage als auch den Anti-Heldentrupp am Erreichen ihres Zieles hindern wollen. Diese sehr abenteuerlastige Gestaltung tut dem Band weiter gut, kaum einer dürfte sich an den fetzigen Urwaldkloppereien, die von Perkins auch schön Dickicht-Grün bebildert werden, stören. Auch die Rückblicke in Carnages Vergangenheit wissen das Geschehen optisch und erzählerisch etwas aufzulockern. Allerdings wird schnell deutlich, dass es sich bei den drei Bänden insgesamt nicht um eine Charakterstudie handelt, die versucht eine Figur wie Cletus Kasady zu ergründen und neue, interessante Facetten zu beleuchten. Stattdessen gibt es eher das Serienkiller A und O mit verhauener Kinderstube und völlig missglückten Jugendjahren. Das sieht, wie gesagt, auch immer gut aus und lockert den Erzählfluss etwas auf, hat auf erzählerischer Seite aber dann doch eher wenig Überraschungen zu bieten.

Horror ohne Schrecken

Man möchte fast argumentieren, dass Conway seine Geschichte falsch herum aufgezogen hat – denn wo der erste Band perfekte Horror-Atmosphäre in dem unübersichtlichen Minengewirr vermittelte, macht „Carnage 3“ den gleichen Fehler wie viele moderne Cthuhlu-Zitate. Das Buch Darkhold mit seinen finsteren Implikationen ist nur absolutes Mittel zum Zweck, am Ende steht das offene Portal zur anderen Dimension wohinter ein großes, böses Tentakelmonster wartet. Nichts von der Paranoia oder dem Wahnsinn der Lovecrafts Geschichten erst so interessant machte, diese sicher schwer zu konstruierenden Zwischentöne machen stattdessen simplen Hollywood-Schlussminuten Platz. Wo Perkins alles düstere gut abzufeiern weiß und gerade aus den Tempelanlagen einige schöne Bilder herausholt, kann auch er die letzten Seiten nicht vor überbrodelnder Cheesiness mit hellen Kriegern des Lichts gegen die dunklen Mächte des Bösen retten. Der Kontrast ist zwar herrlich auffällig, nach drei Bänden getunkt in rot-schwarzer Bitterness und in einer anderen Geschichte hätte diese Gegenüberstellung sicher auch zu einem ordentlichen Wow-Moment führen können, allerdings liefert Conway dafür nicht den entsprechenden Unterbau. „Carnage 3“ ist hier Videospiel statt Horror-Mär, der unaussprechliche Schrecken auf der anderen Seite unserer Existenz wird zum Endgegner, den es zu überwinden gilt. Natürlich steht es der Geschichte hier frei die Wege einzuschlagen, die sie möchte, allerdings muss sie sich dann auch dieser Kritik aussetzen den Weg vieler Hommages zu gehen, die ihren Zitatgeber nicht richtig verstanden zu haben scheinen. Durch den fehlenden Biss auf den letzten Seiten wird der Band auf den letzten Metern auch etwas dröge und verstärkt so weiter das Gefühl, dass die ganze Storyline in umgekehrter Reihenfolge gerne im ersten Band hätte gipfeln dürfen.

Fazit:

„Carnage 3 – Alles Böse kommt von unten“ ist ganz klar der schwächste der drei Bände und das obwohl die Story alle Register zieht um sich zum Finale hin noch zu steigern. Das mag in Teilen auch gelingen, Indiana Jones-Fans dürften sich in Ansätzen zumindest wie zu Hause fühlen, dem großen Ganzen fehlt allerdings einiges an Luft im Blasebalg. Dabei erweist sich auch Conways vorherige Stärke diesmal als Schwäche – die Idee jedem Band seinen ganzen eigenen Genre-Twist zu verpassen ist gut und lobenswert, machte das erste Abenteuer der Truppe auch zur gelungenen Gruselgeschichte, über das für diesen Band gewählte Quellenmaterial des kosmischen Horrors weiß Conway dabei aber viel zu wenig zu sagen. Im Gesamtbild dürfen Leser also gerne zum ersten Abenteuer greifen und dieses simpel als abgeschlossene Geschichte betrachten, während die folgenden zwei Bände nur wenig hinzufügen und den tollen Einstieg leider nicht halten können.

„Carnage 3 – Alles Böse kommt von unten“ erscheint bei Panini Comics im Softcover, 140 Seiten, 16,99€ von Mike Perkins und Gerry Conway.
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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