Carnage 1: Blutrausch

Was passiert, wenn man einen Spider-Man Erzfeind zusammen mit einem ebenfalls bekannten Alien-Symbionten, einer FBI-Eingreiftruppe und einem Werwolf(!) in eine verlassene Mine sperrt? Maximum Carnage

Das B-Movie, das wir niemals auf der Leinwand sehen werden

Carnage 1 - Ild für BeitragDie Zusammenfassung von Gerry Conways Serienkillerjagd liest sich wie eine knallige Mischung aus dem 80er Slasher „Blutiger Valentinstag“ und James Camerons Alien-Sequel: Denn FBI-Agentin Clarie Dixons Idee den mörderischen Cletus Kasady alias Carnage endgültig dingfest zu machen, ist so verrückt wie genial. Mithilfe der Zivilisten Manuela Calderon, die eines von Carnages Massakern als Einzige überlebt und nun auf seiner „Liste“ steht, will sie dem symbiontischen Serienmörder eine Falle vom Feinsten stellen. Gleichzeitig ist die Hardlinerin auch ziemlich gut für alle Eventualitäten gerüstet, ihr untersteht nicht nur ein komplettes Team mit auftragsgerechter Schallbewaffnung sondern auch noch Ex-Venom Eddie Brock, der einen neuen Symbionten, Toxin, in sich trägt, der auf Knopfdruck aktiviert werden kann. Klingt so bereits nach einer explosiven Mischung, die natürlich hoch gehen muss und so verschlägt es Carnage eine verpatzte Falle später in eine verlassene Mine. Dixon sieht Kasady nun absolut ohne Ausweg und befiehlt den Abstieg in die Mine. Aber wie schon Rorschach nach seinem Trip in die Zelle flüsterte: „Bin ich hier eingesperrt mit euch oder ihr mit mir?“

„Der Geist und die Dunkelheit“ im Turbo-Modus statt „Killing Joke“

Die paar Sätze Zusammenfassung enthalten bereits alles, was man für einen knalligen Comic bräuchte, aber damit sind nicht einmal die Hälfte der Ideen, die Conway beackert, abgedeckt und sollen hier auch nicht gespoilert werden. Denn „Blutrausch“ ist eine zwar düster-makabere Achter … entschuldigung, LORENfahrt, die aber dennoch ein unerwartet hohes Unterhaltungspotenzial entfaltet. Das liegt einmal daran, dass Conway sich abseits von Team-Büchern oder den großen, titeleinnehmenden Helden, hier alles anCarnage 1 - Cover Zutaten herauspicken kann und darf, was er für nötig hält. Es gibt keinen Status quo der Figuren zu etablieren oder zu verändern, lediglich ein geschlossener Schauplatz, eine völlig unterschiedliche Mischung an Akteuren, alle mit ihrer Daseinsberechtigung für den Plot und dem Spektakel das folgt, wenn der Stein einmal ins Rollen gekommen ist. Um nicht alles im zwar vielleicht genauso spaßigen, aber unübersichtlichem Chaos enden zu lassen, stellt Conway dann nur noch hier und da ein paar Weichen. Gepaart mit einem guten Spannungsbogen (Eddie Brock und sein Symbiont Toxin werden beispielsweise über einen Großteil der Geschichte zwar angeteasert, von Dixon aber als brandgefährliche, letzte Lösung betrachtet und daher erst zum Finale hin entfesselt) wird „Blutrausch“ damit zu einer super Empfehlung für alle Interessierten. Selbst Leser, die wie ich mit Spider-Man absolut nichts am Hut haben, werden schonmal von Carnage, Venom und Konsorten gehört haben, der Rest ist auch so problemlos zu verstehen. Da macht es auch absolut gar nichts, dass die „Hauptfigur“ selbst hier nur wenig neue Facetten zeigt – Conway will hier kein psychologisches Portrait von einem der Ur-Bösewichte des Spinnenmanns abliefern, sondern lediglich seine Superheldenversion davon erzählen, was passiert wenn man ein Raubtier in die Ecke treibt. Dazu passt, dass „Carnage“ es schafft seinen ersten Band gelungen abzuschließen und sich trotzdem genug Türen für das kommende zweite Abenteuer aufzuhalten.

Erfolg Numero Dos

Zeichner Mike Perkins konnte mich ja gerade erst mit seinen BOOM!-Studio-Baby „Der Fluch von Rowans Rise“ überzeugen und mit seiner Arbeit hier, hat er es nun endgültig auf meine Watchlist für die Zukunft geschafft. Die Optik in „Blutrausch“ erinnert mich an Goran Sudzukas Arbeit bei „Ghosted“, Perkins liegt das Düstere absolut – er und Kolorist Andy Troy dürfen sich auch gerne zukünftig in diesem Genre austoben, noch keine Spur von Übersättigung. Natürlich macht es Carnages blutrotes Äußeres gepaart mit einer dunklen Mine als Schauplatz auch leichter, interessante Szenen aufs Papier zu zaubern, aber daraus kann man den Kreativen ja schlecht einen Vorwurf machen. Da darf und sollte man lieber zufrieden sein, dass mögliche Schwierigkeiten sicher umschifft wurden, schließlich könnte die Minenhatz auch schnell in dunkelbraune Suppenoptik münden, die niemandem schmecken dürfte.

Fazit:

Die schönsten Geschenke sind die, mit denen man nicht gerechnet hat und „Carnage – Blutrausch“ fällt ganz sicher irgendwo in diese Kategorie. Keine Revolution, sondern eine Genre-Ausführung, scheint Autor Gerry Conway munter Versatzstücke des Horror- und Actionfilms mit Monster- und Kreaturengrusel zu mischen, hält die Schlagzahl hoch und die Momente der Langeweile verschwindend niedrig. Und schafft es so bei einem Figurenkabinett um unbekannte FBI-Agenten aus dem Marvel-Universum, Nebenfiguren aus der B-Liga und einem Psychopathen als Titelfigur, eine verdammt unterhaltsame Mischung zu zaubern, die auch in zukünftigen Bänden überzeugen sollte. Zugreifen!

zur Leseprobe

„Carnage 1 – Blutrausch“ erscheint im Softcover bei Panini Comics, 132 Seiten, 16,99€. Geschieben von Gerry Conway, gezeichnet von Mike Perkins und Koloriert von Andy Troy
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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