Black Magick 1: Das Erwachen

Der Comic-Crime-Chameur Greg Rucka machts mit “Black Magick” diesmal titelgerecht magisch – und verzichtet natürlich doch nicht auf seine klassischen Elemente wie ungeklärte Fälle und kantige Ermittler.

Bibi Blocksberg erwachsen

Die jahrtausendealten Traditionen der Hexerei gegen moderne Nervereien aufrecht zu erhalten ist nicht so simpel – wo absolute Ruhe beim Anrufen alter Götter herrschen sollte, klingelt schon einmal das Smartphone. Allerdings ist Polizistin Rowan Black auch eine gefragte Frau, an diesem Tag scheinbar mehr als sonst, denn: ein Geiselnehmer, verschanzt in einem Schnellimbiss, hat bewusst nach ihr als Polizei-Vermittlerin verlangt. Kurze Zeit später findet sich Black dem brabbelnden Verwirrten gegenüber, der unter Kontrolle fremder Mächte zu stehen scheint. Doch das nicht genug, er kennt außerdem Geheimnisse über sie, die einer Hexe nur zu gefährlich werden können. Das Zusammentreffen endet äußerst unglücklich und Black muss sich neben der großen Sorge um die unbekannten, magischen Gegenspieler auch mit internen Ermittlungen im Präsidium auseinandersetzen.

Ein Veteranen-Stück

„Black Magick“ schreit schon in seinen Versatzstücken absolut nach Greg Rucka – Bei DC Comics groß geworden mit Titeln wie Wonder Woman, Gotham Central, Checkmate und all seinen Geschichten rund um Gotham City Detective Renee Montoya, klingt seine neue Serie aus dem Hause Image erst einmal fast wie ein Best-Of seiner Schaffensgeschichte. Auf den zweiten Blick stellt sich „Das Erwachen“ allerdings sehr schnell als reifes Erzählmeisterstück im vertrauten Genre heraus statt einer simplen Wiederholung des Altbekannten. Rucka schafft es wohl wie kein zweiter Entertainment-Krimis im Medium Comic zu erzählen; Azzarello mag mit „100 Bullets“ in dem Genre vielleicht härteres liefern, Garth Ennis sicher das makabere, der Unterhaltungs-Krimi aber gehört wohl eindeutig Rucka. Und so erwacht auch Protagonistin Black nach nur wenigen Seiten und noch weniger Worten bereits zum Leben, ihr Hauptkonflikt wird glänzend etabliert, die Charakterzeichnung bei Nebenfiguren sauber in die Handlung mit eingepflegt. Ihre Freundschaft zu Mit-Hexe Alex Grey und zum besorgten Berufs-Partner Morgan Chaffey funktioniert nach nur wenigen Leseminuten bereits prächtig, hier gibt es langjährig laufende Titel, die etwas ähnliches nicht ansatzweise so glaubhaft erzählen können. Und wo all dies „nur“ einen guten Krimi abgeben könnte, kommt durch das Element der Hexerei eine willkommene Portion Mystery dazu, welche die Erzählwelt angenehm groß, unbekannt und damit neugierig auf mehr macht. Vor allem da Hexerei hier keine, im wahrsten Sinne, Sprücheklopferei ist, sondern sich stets dreckig, kompliziert und nie als simples Geschenk herausstellt. Wer also glaubt, das Mysterium sei hier mit Magie kurzerhand entzaubert, der irrt – Sprüche müssen akribisch vorbereitet, Schutzzauber mühsam ums eigene Anwesen gezogen werden.

Die schwarz-weiße Farbexplosion

Das all das von Zeichnerin Nicola Scott und Farb-Assistentin Chiara Arena in schwarz-weiß erzählt wird, wirkt auf den ersten Blick befremdlich. Eine mehr als nette Anleihe an die großen Vorbilder des Crime-Noir, sicher, aber der ein oder andere Leser dürfte zu Beginn doch sicher bedauern, wie viel mehr man mit knalligen Farben hier vielleicht hätte noch machen können. Die Rede ist dabei rein von der Einfärbung, stilistisch sind Scotts Zeichnungen über fast alle Zweifel erhaben; die Hintergründe sind knackig detailliert, die Perspektivwahl ist oftmals reif fürs Kino und die Figuren absolut ausdrucksstark. Und umso länger man an der Geschichte teil hat, umso stärker spielt sich die Stärke der grauen Farbgebung immer weiter hervor. Denn Scott und Arena setzen in wenigen Panels, meistens dann wenns magisch zur Sache geht, farbliche Akzente, ach was, Highlights, die nicht nur Details hervorheben, sondern oftmals der ganzen Seite eine tolle Aura verleihen. Damit ist „Black Magick“ fast immer wunderschön und an vielen Stellen dazu noch absolut bezaubernd mit Bild-Elementen, die den meisten Lesern im Gedächtnis bleiben dürften. Und das selbst beim Konsum dutzender Comics im Monat.

Fazit:

Es ist fast unmöglich an „Black Magick“ überhaupt irgendwie herum zu meckern, dafür ist Ruckas Detektiv-Geschichte zu routiniert gut und Nicola Scotts schwarz-weiß Malerei zu einnehmend. Stattdessen sollten wir uns lieber über einen ersten richtig heißen Anwärter zum Comic des Jahres freuen und im Zuge dessen auf einen bald erscheinenden zweiten Band. Das Rucka/Scott diesen etwas nach hinten verschieben mussten, schmerzt so gleich weniger, wenn man bedenkt, dass einer der Gründe dafür ihre Arbeit an Wonder Womans Auftritt in DC Rebirth gewesen sein dürfte. Denn was die Beiden hier zusammen abliefern kann die Vorfreude auf weitere Arbeiten, besonders an der Vorzeige-Amazone (und gerade nach dem letzten misslungenen Auftritt), nur in obere Sphären schießen lassen, dass es schon fast an Hexerei grenzt.

zur Leseprobe
„Black Magick 1: Das Erwachen“ erscheint bei Splitter im Hardcover, 136 Seiten, 19,80€ von Greg Rucka und Nicola Scott.

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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