Black Hammer 1: Vergessene Helden

Von Jeff Lemire und Dean Ormston kommt mit „Black Hammer“ ein Blick zurück ins goldene Comic-Zeitalter. Eigentlich ein Grund zum Feiern, doch diese Helden zeigen wie schwierig es sein kann, die Vergangenheit los zu lassen.


Unsere kleine Heldenfarm

Es war der Kampf gegen den Anti-Gott, ein Ringen um die Zukunft der Menschheit und des Kosmos selbst, den die Helden von Spiral City ausfochten mussten. Und es ist nun schon zehn Jahre her. Der Sieg kam dabei mit einem überraschenden Preis – der Held Black Hammer opferte sich, ein Lichtblitz und der Anti-Gott war verschwunden, mit ihm aber auch die verbliebenen Recken, die sich stattdessen auf einer kleinstädtischen Farm wiederfanden, die sie seitdem nicht verlassen können. Ein unsichtbares Kraftfeld scheint sie festzuhalten, so arrangieren sich die ehemaligen Streiter für das Gute mehr schlecht als recht mit ihrem neuen Zuhause. Der gealterte Abraham Slam versucht den unfreiwilligen Clan zusammen zu halten, was sich als schwierig erweist. Der Weltraumabenteurer Richard Weird scheint den Verstand verloren zu haben, das Wunderkind Gail Garnett steckt als frustrierte Mittfünfzigerin im Körper eines neunjährigen Mädchens fest und der Außerirdische Barbalien sucht auch in diesem Gefängnis weiterhin seinen Platz in der Welt.

Eine Hommage an … so ziemlich alles!

Nach eigener Aussage wollte Jeff Lemire dem Superheldencomic mit „Black Hammer“ eine kleine Liebeserklärung schreiben. Nicht nur versierte Comic-Leser, sollten die vielen Anspielungen auf einen Blick erkennen können; Abraham Slam wurde als zu schwächlich für den Kampf gegen die Nazis ausgemustert, Gestaltwandler Barbalien sucht als Marsianer auf der Erde eine neue Heimat und das Mädchen Golden Gail musste einstmals nur den Namen des Zauberers „Zafram“ murmeln, um sich in eine unschlagbare Superheldin zu verwandeln. Gerade dieser Mischmasch macht einen Großteil des Charmes der Geschichte aus. Lemire hat dabei zwar auch den ein oder anderen Kommentar auf den Superheldencomic „von gestern“ übrig, wer hier jetzt aber eine allzu nihilistische Dekonstruktion befürchtet, darf beruhigt sein. Natürlich: dadurch das Lemire die eindimensionaleren Helden von einst weiterdenkt haben diese sich mit sehr menschlichen und unheroischen Problemen herumzuschlagen. Gerade Gail ist ein nachvollziehbares Häufchen Elend, gemessen an ihrer Situation nur zu verständlich. Aber durch den wortwörtlich geschlossenen Handlungsort tritt das Miteinander so deutlich in den Vordergrund, dass auch die Charaktere selbst sich diesem natürlich nicht entziehen können. Ob sie es wollen oder nicht, sie haben als Familie zu funktionieren und die Dynamiken, die hierbei entstehen machen aus „Black Hammer“ eine Art Superhelden-Kammerspiel.

Weird Weird World

Die Geschichte vollführt dabei, trotz des einheitlichen Hauptschauplatzes, einige Genresprünge – schließlich wollen neben dem Golden Age auch die Reihe der Strange-Tales oder die Horror-Comics von EC geehrt werden. Keine simple Aufgabe die Geschichte eines Saubermannes wie Abe Slam tonal mit einem Horror-Zitat wie der Hexe Lady Dragonfly unter einen Hut zu bringen. Als einende Instanz erweist sich dabei der Stil von Dean Ormston. Eigentlich im Genre des Grusels zu Hause ist der Spuk einer Lady Dragonfly also das kleinste Problem für Ormstons Zeichenfeder. Und auch in der surrealen Para-Zone zwischen den Welten, die Richard Weird immer wieder eher unfreiwillig bereist, kann dieser sich voll austoben; Nervenbahnen, Ganglionen, sogar eine Prise Body Horror – die ausdrucksstarken Gesichter lassen ihre Wirkung nicht verfehlen und die satten Farbflächen von Dave Stewart unterstreichen noch einmal die außerweltliche Atmosphäre. Als Ass, und eben verbindendes Element, erweist sich der Stil allerdings in den ruhigen Familienmomenten. Hier könnte das „Hässliche“ den Kern der Heldenfiguren schnell untergraben, stattdessen aber spiegeln Ormstons Zeichnungen fabelhaft, wie alle Charaktere gegen ihre innere Hässlichkeit anzukämpfen versuchen, die in dieser aussichtslosen Lage mehr und mehr hervortritt.

Fazit:

Wer Lemires „Animal Man“ gelesen hat, weiß in etwa, was er von „Black Hammer“ erwarten kann. Lemire interessiert sich wieder für das Familiäre und Zwischenmenschliche der Figuren, der Superheld steht hinten an. „Back Hammer“ ist damit, wie das Cover verspricht, eine Hommage ans Gestern, an die Superhelden von damals, allerdings mit einem leicht melancholischeren Ton als man vielleicht erwartet (oder sogar erhofft?) hätte. Und dennoch gelingt dieser Ansatz weitaus besser als beispielsweise Millars „Starlight“ – Lemire feiert stattdessen die Vergangenheit, ohne vergessen zu haben, was sich in der Zwischenzeit in der Comicwelt getan, entwickelt und verändert hat. Der verbindende Stil von Zeichner Dean Ormston verhindert dabei, dass die vielen Verweise und Versatzstücke „Black Hammers“ auseinanderfallen und halten den Comic als ein rundes, Ganzes, was die Vorfreude auf den zweiten Band entfacht. Durch die vielen Verbeugungen und Anspielungen, ob ans Golden Age oder Horror Comics, ist „Black Hammer“ ein Comic, den jeder schätzen dürfte. Solange man den Band nicht mit den Erwartungen eines actionüberladenen Gruß an Gestern in die Hand nimmt, sondern bereit ist, sich auf Lemires Familien-Portrait einzulassen.

zur Leseprobe
„Black Hammer 1: Vergessene Helden“ erscheint bei Splitter Comics im Hardcover. 19,80€, 184 Seiten inkl. Bonusmaterial. Von Jeff Lemire und Dean Ormston.

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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