Batwoman 1: Die vielen Arme des Todes

„James Bond trifft Batman“ – dies lässt zumindest das Cover vermuten, welches die neue Batwoman Solo-Serie schmückt.

Liebesgrüße aus Coryana

Nicht nur das Cover versprüht bereits ordentlich Superhelden/Agenten-Charme, mit Steve Epting als Zeichner ist auch einer der Konstrukteure des spionagelastigen „Captain America“-Runs an Bord. Weiter verfeinerten Ed Brubaker und Epting den Spionage-Comic bspw. auch in ihrer Serie „Velvet„, die ebenfalls mit einer toughen Protagonistin aufwartete. Autorin Marguerite Bennett, unterstützt von Scott Snyder Zögling James Tynion IV, muss auf diese DNA also „nur“ aufbauen – um das exotische Flair eines James Bond-Films einzufangen entnimmt sie Kate Kane folglich also erst einmal den verwinkelten, dunklen Gassen Gothams und versetzt sie auf das sonnige Eiland Coryana. Hinter Sonne, Sand und Strand schlummert allerdings ein rebellisches, wenn auch lebendiges, Schmuggler- und Piratenparadies, das natürlich weit außerhalb des Gesetzes agiert, mit seinem romantisiert-freibeuterischen Charme aber nicht direkt zu verschrecken weiß. Denn auch Kate „Batwoman“ Kane hat eine Vergangenheit zu der Insel und ihren Bewohnern, darunter eine verflossene Liebschaft zu der charismatischen Anführerin Safiyah. Doch die Tage im Paradies scheinen gezählt als Kate mit ihrer neuen Verbündeten Julia Pennyworth auf der Insel auftaucht. Safiyah ist verschwunden, Kates alte Bekanntschaften nicht mehr allzu gut auf sie zu sprechen und eine messerschleudernde Attentäterin scheint unerbittlich auf sie Jagd zu machen.

Die rot-schwarze Batwoman und der blau-weiße Captain Ameirca

Eptings Zeichenarbeit ist wie immer eine große Freude. Der Freund klarer Linien und der satten Schwarzfläche ist hier natürlich völlig in seinem Element, wer „Velvet“ gelesen hat, wird um Verweise und Erinnerungen an die Agenten-Hatz nicht drum herumkommen. Zusammen mit Jeromy Coxs Farben vermitteln die Zeichnungen einen absolut stimmigen Gesamteindruck und treffen perfekt den Ton zwischen Superhelden-Comic und Spionage-Abenteuer. Der blasshäutige Rotschopf Kane, in rot-schwarzem Fledermauskostüm, ist schließlich ein deutlicher Farbtupfer auf jeder Seite, die Inkorporation so einer Figur in eine intrigenreiche Agenten-Mär nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Diesem Problem fand sich Epting auch schon bei Brubakers „Captain America“ gegenüber; wie den amerikafarbenen Superhelden optisch in das seriösere Setting verpflanzen? „Batwoman 1“ stellt sich dieser Frage mit ausdrucksstarken Posen, dynamischen Bewegungen und einigen farblichen Kontrastmomenten entgegen und packt den Spagat problemlos. Gerade farblich werden in den richtigen Momenten deutliche Akzente gesetzt: Coryana ist zwar grünliches Inseleiland, jetzt aber auch keine Tropen-Parodie. Das Imperium zweier geschäftiger Zwillinge ist dabei wie zu erwarten kalt und steril, nimmt aber von einer innovationslosen „Apple-Desgin gleich Böse“-Idee Abstand und präsentiert die zwei Schurken stattdessen in einem genauso lebensfeindlichen gelb-gold, welches so dennoch optisch für Abwechslung sorgen kann.

Die Handbremse angezogen?

Unter dem „Rebirth“-Label soll der Einstieg in eine Serie möglichst leicht fallen, die Autoren müssen hier also neben dem ersten eigenen Knaller, den sie erzählen wollen, auch noch etwas Grundlagenarbeit für neue Leser leisten und wichtiges von zuvor noch einmal nacherzählen. „Batwoman 1“ macht das Abholen der Neulinge absolut vorbildlich, aus dem vorgeschobenen „Rebirth“-Kapitel macht Bennett eine gelungene Episodensammlung, die mit nur ein bis zwei Seiten Kern und Vergangenheit der Figur aufgreifen und charmant zu erzählen wissen, sogar inklusive Ausblick in die Zukunft. Folglich sollte in der tatsächlichen, ersten Geschichte also mehr als genug Platz sein, um die Abenteuer auf dem Eiland Coryana zu erzählen. Bennett und Tynion gehen hier allerdings einen unnötig mutlosen Weg – statt ihrer Geschichte rund um verflossener Liebe und neuer Fehden komplett zu vertrauen, greifen sie auf sehr viele Rückblenden zurück. Die Liebesgeschichte von Kate und Safiyah soll das stabile Fundament bilden, welches die Geschehnisse des Jetzt schultern kann. Gerade dieses „Jetzt“ verliert dadurch allerding an viel Platz. Wir als Leser lernen weder das Eiland Coryana und was es so besonders macht wirklich kennen, noch seine Bewohner, die es zu beschützen gilt. Folglich findet Kates eigentlich recht persönlicher Konflikt mit Attentäterin Tahani fast nur auf der Sprachebene statt. Design und Idee der Antagonistin sind absolut gelungen, ihre Klagen über Kates Taten klingen aber leider nur nach generischem Bösewichtseinerlei, da Bennett/Tynion es versäumen das Besondere am Leben auf Coryana wirklich herauszuarbeiten. Folglich ist auch der finale Konflikt, schließlich steht eine ganze Insel auf dem Spiel, blasser als er sein könnte. Ein Plus an World Building hätte hier Abhilfe geschaffen. Die letzten Seiten verweisen mit einem klaren Cliffhanger auch darauf, dass diese Etappe nur ein Prolog gewesen sein dürfte. Allerdings ist die Überraschung der letzten Seiten nicht knallig genug, um für sich selbst zu stehen und zweitens verschiebt dies nur das Gefühl eine komplette Geschichte lesen zu wollen in den zweiten Band, der dann ordentlich Aufholen müsste. Schade, denn sonst erzählt „Batwoman 1“ fast immer unterhaltsam, findet stimmige Bilder für seine Momente und macht Protagonistin Kane zu einer interessanten Hauptfigur, der man gerne folgen möchte.

Fazit:

Ein Schnellboot, bevor alle Leinen abgelegt sind – so lässt sich „Batwoman 1“ umschreiben. Wo sich viele Storys der unterschiedlichen Fledermausmänner- und Frauen aufgrund von Szenariobeschränkungen oftmals sehr ähneln, scheint Kate Kanes Inseltrip rund um Schmuggler, Großkonzerne und Piraten eigentlich die richtige Frischzellenkur zum Start. Gerade da mit Steve Epting ein Genreerfahrener Veteran mit an Bord ist, dessen Bilder eine runde Idee der Serie bereits abgeben können. Autorin Marguerite Bennett kommt nicht so schnell aus den Startlöchern wie sie könnte, stattdessen dominiert der Blick zurück das Geschehen und vertrübt für den Leser etwas den Spaß am Hier und Jetzt. Wer die Fledermausfrau dennoch gerne in einer Spionage-Mär erleben will, kann bereits zuschlagen, denn das Fundament scheint zu stimmen. Auch wenn das finale Urteil über Kates Ausflug wohl erst am Ende des zweiten Bands gefällt werden kann.

„Batwoman 1: Die vielen Arme des Todes“ erscheint bei Panini Comics im Softcover, 164 Seiten, 17,99€. Von Marguerite Bennett, James Tynion IV und Steve Epting.
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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