Auf die Barrikaden 3: Wir werden nichts über ihre Weiber sagen

Der finale Band von Wilfrid Lupanos Auf die Barrikaden Reihe präsentiert mit Marie, einer jungen Unterschichtsgöre, die sich der Kommune aus Hass auf die Obrigkeit angeschlossen hat, eine vielschichtige Hauptfigur, die den Leser in eine Welt der Ungerechtigkeiten entführt.

Hass gebiert Gewalt und wenn die Revolution ihre Kinder nicht frisst, dann tut das eben die Gegenrevolution

Marie beginnt ihr Arbeitsleben im jungen Teenageralter als Hausmädchen in einer großbürgerlichen Familie. Mit der Tochter des Hauses, Eugénie, pflegt sie eine innige Freundschaft. Doch als Eugénie, vom großspurigen Edouard geschwängert wird, verschwindet das Mädchen hinter Klostermauern und Marie wird auf die Straße gejagt. Jahre später, wird Paris von der Kommune regiert und Marie ist nun als Krankenschwester an der Front tätig. Als die Kirchengüter beschlagnahmt werden ist Maries Chance gekommen, herauszufinden was aus Eugénie geworden ist. Doch was sie im Klosterkeller an Leid vorfindet übersteigt ihr Fassungsvermögen. Von Hass und Wut getrieben versinkt sie immer tiefer in einer Spirale von Gewalt, in der maßlose Rache ihren Sinn für Gerechtigkeit verschüttet. Doch die Regierungstruppen rücken näher um der Kommune die Kontrolle über Paris zu entreißen und zu beweisen, dass auch die alten Mächte grausame Vergeltung an ihren Widersachern übt.

Wenn eine Utopie der Realität wenig entgegensetzen kann

Marie ist, im Gegensatz zu den Heldinnen der anderen Auf die Barrikaden Bände, keine klare Sympathieträgerin. Wo die Aristokratin Dmitrieff durch ihren kompromisslosen Idealismus und das Straßenmädchen Victoire durch ihre Willensstärke zum Mitfiebern anregten, hält Marie den Leser emotional auf Distanz. Wenn sie in Wut schwerste Gewalttaten begeht, ist ihr Handeln zwar immer nachvollziehbar, doch deshalb nicht weniger abstoßend. Auch ist ihr Handeln wenig zielgerichtet. Während ihre Vorgängerinnen eine neue Welt aufbauen wollten, scheint Marie die alte nur zerstören zu wollen. Gerade dies jedoch ist der Trumpf dieses Bandes. Denn dadurch, dass sie als Hauptfigur schwer zugänglich ist und moralisch oft zweideutig handelt, gewinnt der Comic an Vielschichtigkeit und Komplexität. Die Kommune wird von ihrer dreckigen Seite gezeigt. Nichts von idealistischem Streben nach einer besseren Welt. Eigennutz und Verrat sind auch hier ein Teil des Systems. Kameradschaftlich sind noch lange nicht alle, wie am Beispiel des schmierigen Edouards deutlich wird. Von einer Gleichbehandlung der Geschlechter ist auch die Kommune noch weit entfernt, trotz aller Parolen. Doch nie greift Autor Lupano auf moralische Schwarz-Weiß-Malerei zurück. Ist die Kommune nicht das erhoffte Paradies, so ist die offizielle Regierung noch lange kein besserer Gegenentwurf. Ein Dreckssystem wird durch das nächste ausgetauscht, die Verlierer bleiben die gleichen, ebenso wie die Denkmuster. Trotzdem, und dies ist Lupano nicht hoch genug anzurechnen, wird ein akutes Gefühl für Ungerechtigkeiten geweckt, das aufwühlt und wütend macht. Ein Comic, der zum Nachdenken anregt, gerade weil kein Happy End, kein positiver Ausblick propagiert wird.

Rauheit auch auf der Bildebene

Mit seinem Artwork reflektiert Zeichner Xavier Fourquemin den rauen Ton des Bandes. Die Gesichtszüge werden, ähnlich wie in Karikaturen, übertrieben. Dadurch gewinnen sie an Ausdruck und verlieren an Schönheit. Auch zeichnerisch werden Idealdarstellungen gezielt vermieden, um den Eindruck einer ungeschönten Wahrhaftigkeit zu erwecken. Auch die Strichführung wirkt krakelig und wild, bleibt dabei jedoch präzise und kann den heruntergekommenen Zustand von Paris und seine geschundenen Einwohnern hervorragend einfangen. Farblich wird Zurückhaltung geübt, wodurch die lodernden Flammenmeere der Kriegsszenen umso bedrückender herausstechen.

Fazit:

Auf die Barrikaden – Wir werden nichts über ihrer Weiber sagen ist, wie auch der Titel, ein eher sperriges, dafür aber aussagekräftiges Werk. Was an Unterhaltungswert verloren geht wird durch Radikalität in der düsteren Weltdarstellung wettgemacht. Ein Comic der fordert und der es zu seiner Stärke macht, den Leser oft und gerne zu enttäuschen. Wer an den Vorgängerbänden Spaß hatte wird auch hier an der richtigen Adresse sein.

zur Leseprobe

 

„Auf die Barrikaden 3: Wir werden nichts über ihre Weiber sagen“ erscheint bei Splitter im Hardcover, 56 Seiten, 14,80€. Von Wilfrid Lupano und Xavier Fourquemin.

 

M. Lehn

Author: M. Lehn

Comics mochte ich eigentlich schon immer sehr gerne, zum klassischen Marvel/DC Superheldencomic habe ich aber relativ spät gefunden. Dafür ist meine Begeisterung jetzt umso größer! Meine große Leidenschaft waren allerdings immer Filme, mit der aktuellen Schwemme an Comicverfilmungen bin ich also mehr als glücklich!

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