Auf die Barrikaden 2: Die roten Elefanten

Wilfrid Lupano führt mit Auf die Barrikaden 2: Die roten Elefanten seine Comicreihe zur Pariser Kommune fort und zeigt wieder sein Talent, vielschichtige und dramatische Geschichten zu erzählen.

Sanfte Riesen als Hoffnungsträger

Die junge Victorine schlägt sich mit ihrer Mutter durch den harten Winter 1870 und hofft auf eine freiere, lebenswertere Zukunft durch den Kommunismus. Beide müssen im belagerten Paris hart für ihren Lebensunterhalt kämpfen. Mangelwirtschaft und begrenzte Essensrationen prägen den Alltag, für ein bisschen Fleisch muss stundenlang angestanden werden. Doch in jeder freien Minute kümmert sich Victorine liebevoll um die Elefanten im Zoo. Die sanften Riesen wecken in ihr ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit – und den Wunsch, auf ihnen reitend die Revolution zum Sieg gegen ihre Feinde zu tragen. Mit kindlichem Eifer bereitet sie sich auf den großen Schlag vor. Doch ihr steht nicht nur die Preußische Armee entgegen, die Paris belagert. Auch im Stadtinneren lauert die Gefahr, denn alle Versorgungskanäle sind abgeschnitten. So können die Reichen ihre ausgefallenen Genüsse nicht mehr befriedigen. Gierige Blicke richten sich auf den einzigen Ort, an dem exotisches Tierfleisch noch zu haben ist: Der Zoo.

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Ein Blick auf die kleinen Leute

Nachdem im ersten Band von „Auf die Barrikaden“ die Machenschaften von den Führern der Revolution beleuchtet wurden, handelt der Folgeband von denen, die ganz unten auf der Nahrungskette stehen: Die Kinder der Näherinnen, Soldaten, Mittellose. Während die Gräfin Dimitrieff trotz revolutionärer Haltung auch Dinnerparties und Theaterbesuche genießen konnte, trifft der allseits herrschende Mangel die kleinen Leute mit voller Härte. Doch mit der jungen Victorine wurde eine Heldin geschaffen, die voller Tatendrang überschwängliche Pläne schmiedet, sich unermüdlich gegen Rivalen durchsetzt und ihnen doch eine versöhnliche Hand reichen kann. Sie ist als Hauptfigur sympathisch und quirlig, in jeder Sekunde fiebert man mit ihr mit. Der Erzählton von „Die roten Elefanten“ ist im Gegensatz zum Vorgängerwerk streckenweise leicht und fast verspielt. Die tragischen Momente treffen daher umso heftiger ins Mark. Erzählt wird nicht nur vom Träumen großer Taten, sondern auch vom bitteren Erwachen.

Eine vielschichtige Erzählung ohne erhobenen Zeigefinger

auf-die-barrikaden-2-bild-fuer-beitrag-2Verschiedene feministische Lebenshaltungen der Figuren werden erfrischend differenziert dargestellt, ohne in Schwarzweißmalerei zu verfallen. Für Victorine ist das Bedürfnis, Stärke zu demonstrieren und Geschichte schreiben zu können natürlich. Dass Andere ihr dieses Recht nehmen möchten, spornt sie nur an und so erringt sie als erstes Mädchen die Führung ihrer Straßenkinderbande. Ohne zu theoretisieren wird gezeigt, dass Gleichheit ein menschliches Grundbedürfnis ist, für das es sich zu kämpfen lohnt. Ihre Mutter ist vom ständigen Kampf erbittert und verhärtet, aber stark in ihrer Entschlossenheit. Die Tante hingegen macht sich als Prostituierte die patriarchalen Machtverhältnisse zunutze, handelt pragmatisch und hilft doch allen Frauen, die ihre Hilfe nötig haben. Sie wird als großzügiger und wärmer dargestellt, als manche der strengen Führerinnen der Frauenbewegung. Kein Lebensweg, keine Überlebensstrategie der Figuren wird von vornherein verurteilt. Auf ein dogmatisches Richtig und Falsch verzichtet Autor Lupano und kreiert somit eine ebenso spannende wie komplexe Welt, in die es sich lohnt einzutauchen.

Die rote Revolution? Oder Weiße? Orangene?!

Lucy Mazel zeigt als Zeichnerin und Koloristin große Begabung und beweist ein Händchen für das Einfangen von Stimmungen. Wennauf-die-barrikaden-2-cover Victorine davon träumt, auf Elefanten die Feinde der Revolution in die Flucht zu schlagen, reißen die detailverliebten, gleichzeitig episch und kindlich wirkenden Bilder mit. Doch auch den entbehrungsreichen Alltag der Arbeiterinnen und Straßenkinder fängt sie gekonnt ein, porträtiert Paris als Ort der Widersprüche. Desolate, vom Schnee bedeckte Ruinen dienen den Kindern als Rückzugsorte in denen sie von Erwachsenen kaum gestört werden. Kalte Grautöne dominieren, werden jedoch durch die lebhaft umher rennenden, von grimmigem Optimismus strahlenden Kinder gebrochen. Auf der anderen Seite des Spektrums sind die gutbürgerlichen Wohnungen, großzügig eingerichteten Bordells und Restaurants, in denen sich die reiche Oberschicht auch in Krisenzeiten vergnügt ohne Rücksicht zu nehmen. Sie erscheinen in blassem Orange und Gelb, Farben, die meist Wärme verbreiten. Doch hier sind sie im Bordell unwirtlich abgedunkelt, im Restaurant weißlich grell. Es wird eine leere Pracht gezeigt, die wertlos ist, menschenfeindlicher noch als die von Mangel und Elend verwüsteten Straßen. Die Vielschichtigkeit der Geschichte wird eben auch visuell umgesetzt und clever ergänzt, so dass die dargestellte Erzählung auf allen Ebenen überzeugen kann.

Fazit

Auf die Barrikaden 2: Die roten Elefanten übertrifft seinen Vorgängerband sogar noch. Zwar nimmt er sich simpleren Charakteren an, die im Kleinen ihre Pläne schmieden, doch ist ihre Fallhöhe größer, die ständige Gefahr vor dem Untergang deutlicher. Da ist es ein Kunststück, dass Autor Lupano dennoch mit Humor erzählt und immer wieder einen bewegenden Optimismus durchblicken lässt, ohne die Schwere des Themas zu vernachlässigen. Für alle Freunde mitreißender Abenteuergeschichten, bei denen das Gehirn nicht ausgeschaltet werden muss, zu empfehlen – auch wenn man den ersten Teil noch nicht gelesen hat.

zur Leseprobe

„Auf die Barrikaden 2: Die roten Elefanten“ erscheint bei Splitter im Hardcover, 56 Seiten, 14,80€, gezeichnet von Lucy Macel, geschrieben von Wilfried Lupano
M. Lehn

Author: M. Lehn

Comics mochte ich eigentlich schon immer sehr gerne, zum klassischen Marvel/DC Superheldencomic habe ich aber relativ spät gefunden. Dafür ist meine Begeisterung jetzt umso größer! Meine große Leidenschaft waren allerdings immer Filme, mit der aktuellen Schwemme an Comicverfilmungen bin ich also mehr als glücklich!

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