Animal Man 1 und Swamp Thing 1 (Doppel-Rezension)

Hinter Speerspitzentiteln der „New 52“ wie Snyders „Batman“ oder „Action Comics“ finden sich auch Helden der zweiten Riege in einem Neustart wieder. Die neuen Reihen „Animal Man“ und „Swamp Thing“ verbindet dabei mehr als nur ihre Vergangenheit als Auszeichnungstitel für die zwei Comicurgesteine Alan Moore (Swamp Thing) und Grant Morrisson (Animal Man) – Ein Grund mehr sich die beiden Hefte gemeinsam näher anzuschauen.

Bei diesem gestörten Verhältnis zu Mutter Natur hilft auch kein Recycling mehr

Seit das Leben existiert, existiert auch das Gleichgewicht zwischen Flora und Fauna, dem Leben und dem Tod, dem Rot und dem Grün und der Fäule. Das Grün, die Pflanzenwelt, repräsentiert und gelenkt vom Parlament der Bäume, wurde seit Anbeginn dieses Kampfes vom Swamp Thing als seinem Stellvertreter verteidigt; das Rot, die Verbindung zwischen allem menschlichen und tierischen Leben, dagegen von ihrem eigenen Auserwählten, letzte Inkarnation war dabei Buddy Baker alias Animal Man. Obwohl diese beiden Mächte konstant um ein Gleichgewicht ringen, verbindet sie das Ziel den manifestierten Verfall und Tod, die Fäule, in Schach zu halten, droht diese doch sämtliches Leben zu verschlingen. Diese Waffenbruderschaft zwischen dem Rot und dem Grün scheint nun aber schwächer zu sein als je zuvor. Alec Holland, der letzte Host des Swamp Thing, weigert sich nach seiner Wiedergeburt dem Ruf des Grün zu folgen. Überfordert von seiner Vergangenheit verkriecht er sich in der Einsamkeit, stets darum bemüht die Stimmen der vorherigen Avatare des Grüns in seinem Kopf zu unterdrücken. Zur gleichen Zeit hat auch Buddy Baker alle Hände voll zu tun, denn seine Kräfte scheinen ihn grundlos im Stich zu lassen. Und als ob das nicht schon genug wäre, entwickelt seine Tochter Maxime ganz eigene Fähigkeiten, mit denen sie ungewollt den Friedhof der Kuscheltiere nachspielt. Es sollte also keine Überraschung sein, dass die Fäule sich die Schwäche der Kontrahenten zu Nutze macht – und einen Angriff, geführt von schwangeren Nilpferden und einem Jungen mit Sauerstoffflasche auf dem Rücken, auf die Welt der Lebenden startet.

Grün, Rot, Faul – Die andere Seite des DC-Universums

Obwohl mit Scott Snyder (Swamp Thing) und Jeff Lemire (Animal Man) verschiedene Autoren an den Serien arbeiten, wirken diese dennoch wie aus einem Guss und lassen sich daher sehr gut zusammen lesen und beurteilen. Die Beiden werden sicher das ein oder andere Telefonat miteinander geführt haben, um dem Kampf ihrer Helden gegen die Fäule ein einheitliches Korsett überzustülpen. Denn auch wenn es in dem ersten Band beider Hefte noch zu keinem Crossover kommt, sind die Bezüge zur Serie des jeweiligen Kollegen zahlreich vorhanden und beide machen deutlich, was für ein Unheil sich am Horizont des DC-Universums zusammenbraut. Dabei dringen sie tief in die von ihren Vorgängern entwickelten Konzepten ein; das Grün, das Rot, das Parlament der Bäume, die vorherigen Wirte sowohl des Swamp Things, als auch der Fähigkeiten Buddy Bakers, all das zeigt eine faszinierende, andere Seite der Welt von Superman, Bruce Wayne und Co. Dabei bleibt hier vieles unausgesprochen und nicht näher erklärt, hebt sich aber gerade dadurch vom üblichen Geschehen der DC-Charaktere ab. Das Grün und das Rot stehen zwar Seite an Seite im Kampf gegen die Fäule, würden aber den eigenen Vorteil jederzeit einem brüchigen Frieden mit den anderen Parteien vorziehen. So erklärt Alex Holland anhand einer Sauerampfer, die einen Brombeerbusch langsam zu Tode würgt, dass die Pflanzenwelt die mit Abstand grausamste, brutalste und unnachgiebigste von Allen ist. Und auch dem Leser wird schnell klar gemacht, dass die handelnden Parteien ihre menschlichen Vertreter zwar als Auserwählte ansehen, Umstehende und Familienangehörige aber allzeit entbehrlich und überflüssig sind. Die Fäule als über allem schwebende Bedrohung ist somit auch kein Abziehbösewicht, der ganz schlicht die Welt vernichten will, sondern lediglich das Gegengewicht zu allem Leben, dass außer Kontrolle geraten ist. Folglich ist es zwar unnachgiebig und gewissermaßen auch unbezwingbar, gleichzeitig ist es aber weder „Böse“ im eigentlichen Sinn, noch schmiedet es im geheimen Pläne gegen verfeindete Superhelden, sondern folgt schlicht dem eigenen Trieb alles lebende zu verschlingen – und wird eben hierdurch so interessant. Wie toll wäre es am Ende der Straße mal ein Crossover-Event mit diesem Gegner als alles vernichtende Übel zu sehen, anstatt einer weiteren Bedrohung aus dem All oder einem erdballumspannenden Konflikt zwischen Superrheld und Superschurke.

Die Verpackung – direkt, grafisch, und sicher auch zum Grün anlaufen

All diese abstrakten Aspekte von Natur, Tod und Leben müssen dem Leser auch irgendwie präsentiert werden und beide Hefte bestechen hier mit Darstellungen, die einerseits fantastisch anzuschauen sind, andererseits aber auch aus einem David Cronenberg-Film stammen könnten. Verformte Menschen, die ihre Eingeweide nach außen tragen, wahnsinnige, gehäutete Tiere und schmelzende Gesichter, als würden sie in die Bundeslade blicken; beide Ausgaben bieten hiervon reichlich. Wenn auch eklig, wird aber sicher niemand die Serie aus diesen Gründen zur Seite legen, hat doch all das einen deutlichen Mehrwert und trägt jederzeit zur Geschichte bei. Die Fäulnis korrumpiert das Leben und beherrscht das Tote bis zur maximalen Effizienz, wie sonst sollte also ein halb-verwestes Tier aussehen, dass sich aus seinem Grab erhebt um dem manifestierten Tod zu dienen? Außerdem bekommen die Zeichner beider Serien neben heraushängenden Lungen und blutunterlaufenen Augen noch genug „schöne“ Momente, um ihr Talent präsentieren zu können.Yannick Paquette beispielsweise, zaubert in „Swamp Thing“ wunderschöne Sumpflandschaften und Regenwälder aufs Papier. Durch die satte Farbgebung wird eine Splashpage so zu einem DIN-A4 großen Fenster ins dichte Grün des Regenwalds. Die Arbeit der Koloristen, darunter Nathan Fairbairn, ist hier noch einmal zu erwähnen und über jeden Zweifel erhaben, denn kaum scheint man an sich an den verschiedensten Grün und Brauntönen satt zu sehen, überrascht uns die Präsentation im Zuge eines Story-Twist mit ebenso grandios kolorierten, aber völlig anderen Farben (hier soll nicht zu viel verraten werden). Auch Paquettes Cover haben ein ganz besonderes Lob verdient; in einem Sammelband eigentlich weniger wichtig, funktionieren sie dennoch als tolle Eye-Catcher zwischen den Kapiteln und wurden von mir, eher unüblich, nicht einfach links liegen gelassen. Travel Foremans Darstellungen in „Animal Man“ unterscheiden sich gewaltig von Yannick Paquettes, fräßen sich aber ebenso ins Gedächtnis und sind ähnlich einnehmend. Seine Bilder sind Detail- und Farbarm aufs Nötigste reduziert und seine Figuren karikativ mit falschen Proportionen versehen. All dies fügt sich aber perfekt in die Geschichte Buddy Bakers rund um entstellte Tiere und Reisen durch alptraumhafte Visionen ein und vermittelt somit besser die Andersartigkeit von Konzepten wie Rot und Fäule, als es ein Zeichner mit realistischer Strichführung je könnte.

Erzählungen von Familienmenschen und Einzelgängern

Gibt es denn bei so vielen Gemeinsamkeiten überhaupt noch Unterschiede zwischen dem Mann, der mit den Tieren spricht und dem Ding, das aus dem Sumpf kam? Ja, denn obwohl beide Reihen eine gemeinsame Bedrohung und einen von den Umständen erdrückten Helden teilen, legen sie dennoch völlig andere Schwerpunkte. Snyders Swamp Thing ist dabei am Ehesten mit anderen Titeln des Neustarts zu vergleichen: Ein Protagonist, eine ereignisvolle Vergangenheit und die ungewisse Zukunft liegen vor ihm, nur wenig später wird klar, gegen welche Bedrohung er anzukämpfen hat und welche Frau ihm dabei zur Seite stehen wird. Dabei macht Swamp Thing eine menge Spaß und lässt sich von ein paar formelhaften Twists nicht ausbremsen, lenken diese doch die Geschichte jedes Mal in eine andere, interessante Richtung und motivieren zum Umblättern. Hier bekommt man mit seinem zerrissenen Helden plus Love-Interest also altbewährtes in sehr, sehr guter Verpackung. „Animal Man“ schlägt dagegen einen anderen Ton an, schließlich ist Buddy Baker ein etablierter Superheld, der mit der Polizei zusammenarbeitet und, noch viel wichtiger, Ehemann und Vater zweier Kinder. Die ganze Handlung um seine schwindenden Kräfte und jene, die in seiner kleinen Tochter Maxime erwachen, bezieht auch seine Ehefrau und seinen Sohn mit ein. Hier landet Jeff Lemire mit seinen lebensechten Figuren einen wahren Volltreffer, denn: Buddys Familie könnte „echter“ nicht sein und kleine Dispute zwischen den einzelnen Mitgliedern erinnern jeden von uns an sein eigenes Familienleben, auch wenn der eigene Vater wohl eher selten als Superheld verkleidet das Böse bekämpft und mit Tieren spricht. Lemire trifft den perfekten Ton und macht damit nicht nur Buddys Frau zu einem tollen Nebencharakter, sondern auch Maximes älteren Bruder, der unter einem anderen Autor wohl eher zur nervigen Heulsuse verkommen wäre. Hier spielt auch Foremans Zeichenstil wieder eine Rolle, denn durch ihre abstrakten Proportionen kommen sie viel menschlicher rüber, auch wenn dies ein Widerspruch in sich sein müsste. Aber gerade dieser Unterschied in den Zeichnungen zu anderen Mainstream-Comics, hebt die Bedeutung von Buddy und seiner Familie hervor. Ein weiteres Indiz dafür ist beispielsweise auch jegliches Fehlen von Übersexualisierungen, auch beispielsweise im Hinblick auf Buddys Frau. Kein posieren, keine hautengen Kleider, keine provozierten Ablenkungen – Lemire und Foreman zeigen uns wie Ellen Baker als Mutter wirklich ist, locker und unbekümmert in T-Shirt und Schlabberhose, und nicht als hochstilisierte Männerfantasie wie neunzig Prozent der Frauen, die man in Comics als Hauptfiguren präsentiert bekommt.

Fazit (Simon):

Sowohl „Swamp Thing“ als auch „Animal Man“ sind wahre Must-Reeds für jeden, der sich im Mainstream etwas gelangweilt fühlt. Beide Geschichten haben viel zu sagen, ohne aber jemals mehr zu sein als sie auch sein wollen. Ihr Hauptauftrag ist und bleibt, den Leser mit den ersten Bänden auf eine unterhaltsame, wenn auch düstere Reise zu schicken und das gelingt ihnen mit Leichtigkeit. Das zu erwartende Zusammentreffen von Alec Holland und der Familie Baker macht das Warten auf den nächsten Band nicht leichter, bis dahin verbleiben beide Ausgaben tolle Comics zum Gleich-Mehrmals Lesen, wobei Lemires „Animal Man“ bei nur einen extra großen Stein im Brett hat. Denn einen besseren Comic über eine Familie und ihren Zusammenhalt habe ich noch nicht in die Finger bekommen und hätte ihn auch sicher nicht von einem der großen zwei Verlage erwartet.

Und noch ein Zusatz-Fazit zu Animal-Man (Spiri):

Animal Man ist für mich die größte Überraschung aus dem DC Neustart, denn der Comic sticht durch Geschichte und Bildgestaltung aus dem üblichen Neustartprogramm heraus. Die Figur wurde dem Sublabel Vertigo entnommen und das merkt man deutlich. Das Superheldentum tritt zurück und die Familie steht im Vordergrund. Seiner Frau und den Kindern sind die Kräfte ihres Vaters bewusst, doch wie geht man innerhalb der Familie mit dem Doppelleben um?  Eine Grundthematik, welche ich so bisher noch nicht in einem DC Comic gelesen habe. Nachdem der Neustart im DC Universum sehr unterschiedlich für den Neuleser einsteigerfreundlich ist, treffen wir hier auf einen Helden nach einer Ruhepause und begleiten ihn bei seiner Rückkehr.

Der Comic lohnt sich aber schon allein wegen dem Artwork von Travel Foreman. Ich war erstaunt über dieses Quäntchen Mut zum Anderssein. Dieser Zeichenstil sticht aus dem üblichen DC Lesestoff deutlich heraus. Er ist, dreckig, wirkt etwas unsauber und ist doch detailversessen. Für Kinder ist dieser Comic keineswegs gedacht, denn nicht nur die Geschichte richtet sich an ein älteres Publikum, auch die Zeichnungen beinhalten eine gehörige Portion Horror und Splatter. Wer diesen Band nicht mitnimmt, hat ein Highlight von The New 52 verpasst.

Animal Man Leseprobe
Swamp Thing Leseprobe

Animal Man von Jeff Lemire,  Travel Foreman, John Paul Leon mit 132 Seiten im Softcover erscheint bei Paninicomics. Preis 16,95€

Swamp Thing von Scott Snyder ,Yanick Paquette, Marco Rudy, Victor Ibanezmit 156 Seiten im Softcover erscheint bei Paninicomics. Preis 16,95€

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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