All-Star Batman 1: Mein schlimmster Feind

„Mach es noch einmal, Scott“ – Scott Snyder führte für fünf Jahre das Heft bei der wichtigsten Fledermaus der Comic-Geschichte, heimste Kritiker- und Fan-Lob ein und obwohl er das Comic-Flaggschiff „Batman“ inzwischen an Tom King abgetreten hat, will Snyder noch einige Geschichten des dunklen Rächers erzählen.

Road-Trip aus der Hölle … beziehungsweise in die Hölle?

Schon seit seinem damaligen Einstieg in die Serie wissen Leser, dass Snyder seinen Batman gerne einer ausgedehnten Tour de Force aussetzt. Wir erinnern uns wie im Zuge der „Rat der Eulen“-Storyline Batmans Überlebenskampf in einem verworrenen Labyrinth eine große Rolle spielte. In All-Star Batman geht es der Fledermaus dabei wenig besser: einen widerspenstigen Harvey Dent an seiner Seite herzerrend, ist der dunkle Rächer entschlossenen Schrittes unterwegs Richtung eines verlassenen Kinderheims. Nicht irgendwo am Rande Gothams, sondern im ländlichen Hinterland der Vereinigten Staaten und damit weit außerhalb seiner Komfort-Zone. Am Ende dieser Reise vermutet Batman nicht nur die Heilung Harvey Dents, sondern auch ein Gegenmittel für ein Virus mit dem Dent die Bewohner Gothams infiziert hat. Dabei sieht sich der Flattermann allerdings so ziemlich allen Feinden gegenüber, die er sich in seiner langen Karriere gemacht hat, denn Dent verfügt über Geheimnisse und Druckmittel, die das Interesse daran hochhalten, dass das Duo sein Ziel niemals erreichen wird. Und so muss ein immer geschundenerer Bruce Wayne, Schritt für Schritt, um jeden Kilometer bis zum lang ersehnten Ziel kämpfen.


Zurück zu alter Starpower?

Das „All-Star“-Label von DC war einstmals angedacht, um große, eigenständige Geschichten, der wichtigsten DC-Helden erzählen zu können. Wo Grant Morrison diese Möglichkeit mal ganz simpel dazu nutzte um wohl eine der besten Superman-Geschichten aller Zeiten zu erzählen, fuhr Batman-Urgestein Frank Miller in seiner gleich gearteten Serie zur Fledermaus das ganze Konzept gleich mal gegen die Wand und ließ uns stattdessen an seinem ganz persönlichen Abstieg in den Wahnsinn teilhaben. Zwischen diesen beiden Extremen hat Snyder also mehr als genug Platz, um sich gekonnt zu platzieren. Dabei dürfte sein All-Star Batman vielleicht nicht als eine der besten Batman-Storys aller Zeiten eingehen (schwierig auch, bei der großen Konkurrenz), allerdings weiß Snyder auch nach fünf Jahren mit der Figur immer noch seine Stärken abzurufen. Und kann gleichzeitig seine bekannten Schwächen immer noch nicht besser herunterspielen.

Der Weg ist das Ziel

Zumindest für den Leser, für Batman sicher nicht, warten doch auf dem Weg nur Qual, Verletzungen und mehr Feinde als Batarangs in den Gürtel passen. Wenn das „All-Star“ auf dem Cover nach der Essenz des Charakters verlangt, dann weiß Snyder hier eine Clip-Show abzufeiern, die seinesgleichen sucht. Ob Talons, Killer Croc, Gangsterbosse wie der Pinguin oder Black Mask, so ziemlich jeder der wohl besten Schurkengallerie der Comic-Geschichte gibt hier eine Gastvorstellung. Dabei ist der Titelheld, außerhalb seines Elements und um den Überraschungsmoment beraubt, stets im Nachteil, kann nur reagieren statt zu agieren und wird zum absoluten Underdog. Entsprechend spaßig wird es zuzuschauen, wie sich Batman neuen Gefahren und Wendungen erwehrt und das, obwohl Körper (oder Geist) irgendwann nachgeben müssen. Stattdessen krallt sich der Fledermausmann wie der verbissenste Kampfhund, Meter um Meter vorwärts. Durch seinen „Mitreisenden“´, Harvey Dent, bekommen wir außerdem einen Einblick auf die gemeinsame Vergangenheit der Beiden; vor Harveys Schurkentagen, vor der Spaltung seiner Persönlichkeit. Diese Rückblenden sind dabei aber nur kurze Verschnaufpausen für das unbändige Drängen nach vorn der Geschichte. Dem starken Kern der Figur (immerhin reden wir hier von Batman) und den routinierten Schreib-Fähigkeiten eines Scott Snyders ist es dabei zu verdanken, dass sich das Ganze trotz ungewöhnlicher Prämisse, trotz außergewöhnlichem Setting und trotz anderer Akzente, jederzeit noch wie eine Geschichte des dunklen Ritters anfühlt.

Besonders bei so einem Ende

Doch wo Snyders Stärken zahlreich sein dürften und hier auch größtenteils ausgespielt werden können, macht sich gerade auf den letzten Seiten ein altbekanntes Muster breit, denn die finalen Momente der abgeschlossenen Geschichte, sind dann doch holprig, überhastet und zerren gefährlich stark an der Glaubwürdigkeit. Über den gesamten Band muss Funktion bereits der Form folgen, „Mein schlimmster Feind“ ist in erster Linie ein gnadenloser Road-Trip, darunter hat sich alles andere unterzuordnen und bis zum Finale hin ist dies eben „anders“ aber auch interessant. In den Schlussmomenten allerdings, wie auch beispielsweise schon bei seinem sonst grandiosen „Rat der Eulen“ zaubert Snyder Plot-Elemente aus dem Hut wie er sie gerade braucht und schiebt brockenweise Exposition nach wie es eben nötig ist. Damit tritt das Geschehen deutlich auf die Bremse, mit so einem Momentum und diesem Story-Gewicht im Sattelschlepper, droht „All-Star Batman“ hier fast von seiner eigenen Größe überrollt zu werden. Doch wie auch bei anderen Erzählungen Snyders ist auch hier der Rest zu stark um diesem Wermutstropfen nicht allzu viel Gewicht zu verleihen. Dennoch hätte man es gerne willkommen geheißen, wenn Snyder in dieser Storyline vielleicht mal eine Möglichkeit zum Ausbügeln gefunden hätte.

Altes Eisen neu zurecht geschmiedet?

Wo sich also auf der Schreiberseite in den großen Zügen wenig verändert hat, sind inszenatorisch doch gewaltige Unterschiede erkennbar: Denn zuletzt prägte „Spawn“-Zeichner Greg Capullo mit seinen teils grotesk-unheimlichen, aber immer passenden Zeichnungen das Batman-Universum. In „All-Star Batman“ macht nun allerdings ein von John Romita Jr. gepinselter Flattermann den mittleren Westen der USA unsicher. Romitas dreckig, klobiger Stil weiß dabei nicht immer jeden zu begeistern, für mich waren die unsäglichen Zeichnungen einer der Hauptgründe Remenders „Captain America“ in die ewigen Jagdgründe zu verbannen. Dabei ist nichts gegen die routinierte Arbeit Romitas zu sagen, schließlich hat der Mann Dekaden lange Erfahrung mit den ganz Großen, allerdings müssen Stil und Geschichte dabei immer zusammenpassen. Und das ist hier absolut der Fall, der dreckige Überlebenskampf kann die raue Optik absolut vertragen – in seinen trostlosesten Momenten kann man sich fast an eine aktualisierte Fassung von Millers „Dark Knight Returns“ erinnert fühlen. Oftmals sorgen aber die expressiven Farben Dean Whites für eine Kontrapunktion, die aus „All-Star Batman“ eine eigenwillige, aber ansehnliche und vor Allem unverwechselbare Mischung machen. Irgendwo zwischen Punk, Mad Max: Fury Road und der Gnadenlosigkeit eines Judge Dredds.

Fazit:

Das erste Abenteuer unter dem „All-Star“-Label ist eine Mischung aus mehr alten Stärken als bekannten Schwächen, dass sich doch immer wie Batman anfühlt, aber genug neue Wege beschreitet, um nicht nur irgendein Spin-Off Heft zu sein. Wie für Batmans Kampf gegen alle Widerstände, sollte auch für den Leser der Weg das Ziel sein, das Teilhaben an diesem Schrillen Who-is-Who des Batman-Universum den Hauptspaß ausmachen. Stammgäste der Fledermaus sollten genauso reinschauen, wie Kurzurlauber, denn diese absolut eigenwillige Mischung ist faszinierend fremd und doch wohlig bekannt zugleich – und dürfte damit besonders die „same but different“-Freunde zufrieden stellen können.

„All-Star Batman 1: Mein schlimmster Feind“ erscheint bei Panini Comics im Softcover, 148 Seiten, 16,99€. Von Scott Snyder und John Romita Jr.

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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