Alienor 1: Die schwarze Legende

Die neue Themenreihe „Königliches Blut“ soll starken, aber auch umstrittenen Herrscherinnen der Geschichte gewidmet sein, den Anfang macht dabei die Königin Alienor von Aquatanien.

Ganz Aquatanien ist von den … wo zum Teufel liegt Aquatanien?!

Historische Stoffe sind im franko-belgischen Comic ja absolut keine Seltenheit und machen auch bei den Splitter-Veröffentlichungen einen guten Batzen aus, wie ein nur kurzer Blick auf das Verlagsprogramm zeigen dürfte. Alienor 1 - Bild für Beitrag 2Und das historische Frankreich stand gerade erst mit „Winter 1709“ im Fokus, nun geht es aber noch einmal, ein knappes, halbes Jahrtausend zurück, in die Zeit nach den Karolingern. Die junge Eleonore, hier eben Alienor, soll mit dem schüchternen Thronfolger Ludwig verheiratet werden und wird damit fast über Nacht zu einer der mächtigsten Frauen Europas. Selbst müsste sie in diese Rolle erst noch hineinwachsen, leichter gemacht wird ihr dies allerdings auch nicht von dem kritischen Hofstaat rund um Ludwigs Mutter Adelheid und den Berater und Kirchenvorstand Suger. Als dann auch noch Ludwigs Vater stirbt und der Prinz sein Erbe antritt, stehen dem jungen Ehepaar und ganz Frankreich plötzlich einige Probleme, wie aufständische Provinzen und Verräter am eigenen Hof, ins Königshaus. Und Alienor will zu alle dem noch beweisen, dass sie mehr ist als nur eine niedere Provinz-Adlige, die lediglich die Erben des Reiches zu gebären hat. Selbst der im allgemeinen Geschichtsinteressierte dürfte hier schon merken, dass „Alienor“ sich auf dem bekannten Grad zwischen Historie und Fiktion bewegt, den auch schon TV-Serien wie „Tudors“ oder Co-Autor Arnaud Delalande, in seiner vorherigen Comic-Reihe rund um den Freibeuter Robert Surcouf, beschritten haben.

Sowas von Splitter!

„Alienor – Die schwarze Legende“ ist durchaus als Essenz der historischen Splitter-Titel zu betrachten, ein guter Querschnitt durch das Programm und daher sicherlich leichter im jeweiligen Lesergeschmack zu verordnen. Wer die vielen anderen historischen Titel, wie beispielsweise den oben erwähnten „Winter 1709“ mag, dürfte auch mit „Alienor“ seine Freude haben und kann eigentlich direkt zum Fazit springen. Denn Carlos Gomez Zeichnungen erzeugen ebenfalls wieder gekonnte Mittelalteratmosphäre, spätestens wenn es an Gebäude, Burgen oder eine riesige Kathedrale geht, dürften sich auch Fans von Ken Follets „Die Säulen der Erde“ wie zuhause fühlen. Der Mittelalter-Afi­ci­o­na­do bekommt sauber entworfene Kostüme und Rüstungen, die unglaublich viel Authentizität ausstrahlen und ordentlich Futter fürs Auge liefern. Dazwischen gibt’s hier mal eine nackte Brust und da mal eine blutige Auseinandersetzung – wer die Speise schon einmal gekostet hat, weiß wie sie schmeckt und sollte sich auf das Mahl freuen. In einigen wenigen aber treffsicheren Szenen glänzt (oder besser „schimmert“?) Koloristin Claudia Chec dann noch mit warmer Kaminfeuer-Atmosphäre und sehenswerten, in erdige Töne getauchte Bilder. Bliebe also nur noch der Anspruch des Autorengespanns, die Geschichte einer der mächtigsten Frauen des Mittelalters gebührend zu Papier zu bringen. Wie sieht es damit aus?

Alienor 1 - Bild für Beitrag 1
Sowas von Splitter …

Damit sieht es bei „Alienor“ genauso aus, wie es der verlagstreue Leser von den Historien-Stoffen gewöhnt sein müsste – mit allen Vor- und Nachteilen. Die Handlung schreitet in einem angenehmen Trab vorwärts, der keine Achterbahnatmosphäre erzeugen will, dafür aber genug Luft lässt, um das Flair aufsaugen zu können und den netten Twists und Intrigen genug Platz zur Entfaltung zu geben. Der naive Thronfolger Ludwig und seine herrische Mutter entstehen nur als Skizzen statt als fein-ausgefeilte Figuren, erinnern aber Alienor 1 - Coverdennoch in ihren besten Momenten an ein knirschendes Mutter-Sohn-Gespann wie bspw. Tommen und Cercei aus „Game Of Thrones“. Die Dialoge platzieren sich irgendwo in der Mitte, sind nicht immer griffig, aber zweckmäßig, dabei jedoch weit genug davon entfernt stumpf Informationen für den Leser raus zu plärren – das hat gerade erst ein „Roma“ wesentlich schlechter hinbekommen. Nichtsdestotrotz bleibt mit der Charakterisierung von Alienor, immerhin ja die Hauptfigur, ein Riesenproblem. Wer dank Cover und Klappentext nach der ersten Seite eine Geschichte von Aufstieg, Erwachsenwerden und Werteverfall erwartet, wird schnell enttäuscht. Die Elemente sind da; Alienor als zukünftige Königin als Underdog am Hof, untergebuttert von etablierten Beratern und Einflusspersonen und der interessanten Frage, wie viel sie von ihrer naiven Jugend behalten kann oder opfern muss, um das Spiel am Hofe mitzuspielen. Der Band hätte für all dies auch mehr als genug Zeit, allerdings wechselt Alienors Wesen viel zu schnell und gleichzeitig nicht immer im nachvollziehbaren Maße. Anstatt langsam zu erkunden, welche Möglichkeiten, wie eben Sex und Manipulation, ihr offenstehen und inwiefern sie diese einzusetzen gedenkt, schaltet die Gute nach dem ersten Widerwort in den Overdrive-Modus und paktiert und spielt bereits zur Hälfte des Bandes wie eine der ganz Großen. Dadurch wird Alienor unglaublich ambivalent, per se ja nichts Schlechtes. Anstatt dadurch aber interessante Vielseitigkeit auszustellen, wird der Band schnell unfokussiert. Wir als Leser sind uns nie ganz sicher, in welchem Stadium sich Alienor gerade befinden soll – ist sie noch unschuldige Hofdame oder schon die Puppenspielerin im Schatten? Und sollen wir denn noch mit ihr sympathisieren oder hat sie bereits alles Gute abgelegt?

Fazit:

Das Autorengespann Arnaud Delalande und Simona Mogavion liefert mit Alienors Geschichte ein zweischneidiges Schwert. Der Stoff ist noch unangetastet, die Intrigen sind nett, das Tempo okay und die Dialoge in Ordnung. Allerdings entgleitet ihnen die Protagonistin, ihre Entwicklung und ihre Reise fast völlig, von dem „großen Werden einer Königin“ ist hier wenig spürbar. Dafür fehlt es an definitiven Charaktermomenten, die uns Alienor als Person näher bringen; eine Folie an der wir ihre Entscheidungen und Veränderungen vergleichen und werten könnten. Als „Ausgleich“ allerdings wird das Auge bestens bedient und zeichnerisch lässt sich an „Alienor 1“ nicht viel aussetzen. Und vielleicht kann der zweite Band dann auch auf der Story-Ebene noch einmal Punkte gut machen, jetzt wo die zukünftige Regentin bereits etabliert wurde.

zur Leseprobe

„Königliches Blut Alienor – Die Schwarze Legende 1“ erscheint bei Splitter im Hardcover, 56 Seiten, 14,80€, geschrieben von Arnaud Delalande und Simona Mogavion, gezeichnet von Carlos Gomez
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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